Ehre sei dem Blute Jesu - In laetitia!

DER HEILIGE PHILIPP NERI
Sein Leben und seine Tugenden

(Autor: Pietro Giacomo Bacci)

  Erhältlich in Buchform (Versand)


Erster Teil:   DER LEBENSLAUF BIS ZUM UMZUG NACH VALLICELLA

Einleitung

1. Geburt und Kindheit des hl. Philipp

2. Philipp verlässt die Heimat

3. Philipp begibt sich nach Rom

4. Philipp studiert Philosophie und Theologie

5. Philipp hört auf zu studieren und übergibt sich ganz Christus

6. Die wunderbare Erweiterung seines Herzens

7. Philipp beginnt, den Nächsten zu helfen

8. Philipp gründet mit einigen Gleichgesinnten die Bruderschaft
der Hochheiligen Dreifaltigkeit


9. Philipp wird zum Priester geweiht und erhält die Erlaubnis,
Beichte zu hören


10. Ursprung der allgemeinen Predigten

11. Die ersten geistlichen Söhne Philipps

12. Der große Eifer Philipps, den Glauben auszubreiten

13. Philipp beauftragt Baronius, die Kirchengeschichte zu schreiben

14. Der Beginn des Oratoriums

15. Philipp übernimmt die Verwaltung der Florentinischen Kirche

16. Philipp wird auf verschiedene Weise in der Geduld geübt

17. Die Kongregation des Oratoriums wird gegründet

18. Philipp begibt sich nach Vallicella

19. Ordnung und Konstitutionen des Oratoriums

20. Gehorsam und Ehrerbietung der Seinen


Zweiter Teil:   TUGENDEN, CHARISMEN, KRANKHEIT UND TOD

Einleitung

Die Geduld des hl. Philipp

Der Kampf mit dem Bösen

Philipps letzte Krankheiten und die Erscheinung der seligsten Jungfrau Maria
Die Sterbestunde des hl. Philipp

* * *

Lebensdaten des hl. Philipp

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TEIL I
DER LEBENSLAUF BIS ZUM UMZUG
NACH VALLICELLA

Philipp Neri wurde 1622 heiliggesprochen. Bereits im selben Jahr erschien die erste Biographie von Pietro Giacomo Bacci – zusammengestellt aus den Prozessakten der Heiligsprechung in lateinischer und italienischer Sprache.

Nachdem im Jahre 1675 durch Pfarrer Johann Georg Seidenbusch in Aufhausen das erste Oratorium auf deutschem Boden errichtet worden war, übersetzte Johann Caspar Heiß, ein Mitglied dieses Oratoriums, aus Anlass des 100. Todestages des hl. Philipp (1695) das Werk von Bacci ins Deutsche. Eine weitere deutschsprachige Biographie, die auf Bacci zurückgeht, wurde von Carl B. Reiching aus dem Englischen übersetzt. Sie erschien 1859 in Regensburg.

Aus Anlass der 2012 erfolgten Wiedererrichtung des Aufhausener Oratoriums verglichen Christiane Finzer und Heidrun Wolfart diese beiden alten Übersetzungen der Biographie des hl. Philipp Neri und übertrugen die Texte in ein „heutiges Deutsch“.

1. Geburt und Kindheit des hl. Philipp

Im Jahre 1515 nach Christus, unter dem Pontifikat Papst Leo X., wurde Philipp1, am Vorabend des Festes der hl. Maria Magdalena, in Florenz nach Mitternacht geboren und in der Kirche des hl. Johannes des Täufers auf den Namen seines Großvaters Philippus getauft. Sein Vater, Franziskus Neri, war ein angesehener Rechtsanwalt. Seine adlige Mutter, Lucretia Soldi, war eine Frau von großer Frömmigkeit. Franziskus und Lucretia hatten vier Kinder: Zwei Töchter – Katharina und Elisabeth und zwei Söhne – Antonius, der bald nach der Geburt starb, und Philipp, dessen Leben wir jetzt beschreiben wollen. Er besaß einen lebhaften Geist, war gesund, gut aussehend und von großer Anmut und Feinfühligkeit in seinem ganzen Wesen und Benehmen – Gaben, die wir gewöhnlich bei jenen finden, die dazu erwählt sind, dem Herrn Seelen zu gewinnen. Seine Eltern erzogen ihn sorgfältig. Sie ließen ihn unterrichten, und in der Grammatik und den Grundfächern lernte er so schnell, dass er seine Schulkameraden weit übertraf. Er übte sich auch in der Rhetorik. Sein Lehrer war ein gewisser Clemente, ein nicht unbedeutender Gelehrter jener Zeit.

Anzeichen künftiger Heiligkeit, die schon in der Kindheit und Jugend erkennbar waren, sind seine besondere Neigung zu göttlichen Dingen, große Selbst-beherrschung und Bescheidenheit und höchste Ehrerbietung gegenüber seinen Eltern und den Oberen. Er war seinem Vater so gehorsam, dass man nur von einem Vorfall weiß, bei dem er ihn betrübt hatte: Er hatte seiner Schwester Katharina, die ihn am Beten hinderte, einen leichten Schlag versetzt. Wegen dieses „Vergehens“, für das er vom Vater zurechtgewiesen wurde, vergoss er Tränen. Auch seiner Mutter hat er so willig und vollkommen gehorcht, dass er, wenn sie es von ihm verlangte, an einem Ort still zu stehen, sich nicht bewegte, bis sie es ihm ausdrücklich erlaubte. Nach dem Tode der Mutter (Philipp war 5 Jahre alt) heiratete der Vater wieder. Die Stiefmutter liebte Philipp wie ihr eigenes Kind, und sie weinte sehr, als er Florenz verließ, sie war kaum zu trösten. Als sie krank wurde und dem Tode nahe, wiederholte sie oft seinen Namen und wurde dadurch getröstet.

Philipp war nicht nur gegenüber seinen Eltern und Vorgesetzten, sondern gegen jedermann fröhlich, gehorsam und willig, sodass alle meinten, er könne gar nicht zornig sein. Aus diesem Grund und wegen seiner Güte, Unschuld und Reinheit wurde er von allen der „gute Pippo“ genannt. Wegen dieser Eigenschaften wurde er nicht nur von den Menschen geliebt, sondern auch von Gott besonders geschützt: Als er im Alter von etwa 8 oder 9 Jahren im Hof auf einen Esel stieg und begann, wie es die Jungen gerne tun, auf diesem herumzureiten, fiel er mit dem Esel die Treppe in den Keller hinunter. Eine Frau, die das hörte und eilends herbeilief, fürchtete, ihn ganz zerschlagen vorzufinden, konnte ihn aber unverletzt unter dem Esel hervorziehen. Philipp erzählte diesen Vorfall oft selbst voll Dankbarkeit gegenüber der göttlichen Vorsehung.

Zu den schon genannten Gaben kamen eine große Ehrfurcht vor Gott und Eifer für den Gottesdienst. In allem spürte man schon eine große Reife und Ernsthaftigkeit. Er hielt sich nicht mit kindischen Spielen auf, sondern verbrachte viel Zeit mit Beten und dem Lesen der Psalmen und eifrigem Anhören des Wortes Gottes. Aber niemals äußerte er sich dazu, ob er einmal Priester werden oder in ein Kloster gehen wollte. Schon von frühester Jugend an hielt er sein Inneres verschlossen, da er jegliche Ruhmsucht verabscheute. Durch dieses Verhalten und seine kindliche Unschuld stand er in der Gnade Gottes, sodass er alles erhielt, um was er Christus bat. Es geschah sehr oft, dass er, wenn er etwas verloren hatte, betete und das Verlorene sofort wieder fand.

Damals besuchte Philipp oft die Kirche San Marco beim Dominikanerkloster, von deren Patres er den ersten geistlichen Unterricht empfing. Wenn später in Rom Patres aus diesem Orden zu ihm kamen, pflegte er zu sagen: Wenn ihm durch die Güte Gottes von Jugend an etwas Gutes geschenkt worden sei, so habe er es gewiss den Patres ihrer Ordensgemeinschaft zu verdanken, vor allem aber Zenobio de Medici und Servantio Mini. Als ein Beispiel für die Tugendhaftigkeit dieser beiden Männer erzählte er: Diese beiden Patres hatten vereinbart, sich jede Nacht vor der Mette gegenseitig die Beichte abzunehmen, um das Offizium noch andächtiger beten zu können. Aber der böse Feind, der ihnen diese große Tugend neidete, klopfte eines Nachts, zwei Stunden vor der gewohnten Zeit, an die Zelle des Zenobio und schrie: „Hörst du, steh auf, es ist Zeit!“, worauf dieser erwachte, aus dem Bett sprang und in die Kirche eilte. Dort meinte er Servantio zu sehen, der vor dem Beichtstuhl auf und ab ging. Er kniete sich demütig nieder, um seine Fehler zu beichten: Der Teufel, in Gestalt des Servantio, setzte sich und hörte die Beichte. Aber zu jedem Fehler, den Zenobio beichtete, sagte er: „Das ist nichts Wichtiges, das hat nichts zu bedeuten“. Ja, als Zenobio einen größeren Fehler beichtete, sagte er so nebenbei, das sei nur eine leichte Sünde. Als Zenobio dies hörte, nahm er sein Zingulum (Strick des Mönchsgewandes), bekreuzigte sich und schrie den Vater der Lüge an: „Bist du es, höllischer Feind!“ Worauf dieser sogleich verschwand.

Philipp ging auch sehr oft zu einem berühmten Prediger aus der Gesellschaft der Humiliaten, mit Namen Baldolinus. Als Zeugnis für dessen Heiligkeit erzählte Philipp, dass auf sein Gebet hin die Stadt Florenz 1527 verschont blieb, als der Herzog von Bourbon mit seiner Kriegsmacht durch Italien zog. Die geistlichen Übungen entzündeten in Philipp das Verlangen nach allen Tugenden und erweckten insbesondere den Wunsch, für Christus zu leiden. Als er 15 Jahre alt war, ergriff ihn ein starkes Fieber, das er geduldig ertrug; er überwand sein körperliches Leiden durch seine Seelenstärke. Und so konnte er es vor den Hausgenossen verbergen, was seine größte Sorge gewesen war. Genauso gefasst blieb er, als das Haus seines Vaters abbrannte: Er ertrug den Verlust des schönen Hausrates so gelassen, dass bei allen eine Ahnung künftiger Heiligkeit aufstieg.

2. Philipp verlässt die Heimat

Als Philipp 18 Jahre alt war, schickte ihn sein Vater nach San Germano, einem Städtchen am Fuße des Monte Cassino zu seinem Vetter Romolo. Dieser fleißige Mann, aus Florenz stammend, hatte ein Vermögen über 22.000 Kronen erworben, was damals eine bedeutende Summe war. Philipp sollte dort Kaufmann werden und später Erbe seines Onkels, der außer ihm keine Verwandten hatte. Philipp wurde von Romolo sehr herzlich empfangen, der sich aufgrund des Verhaltens und der Sitten Philipps entschloss, diesen in seinem Testament als Erben einzusetzen. Aber Gott hatte Philipp zu Höherem bestimmt. Philipp merkte bald, dass er zu einem anderen Leben berufen war, und er begann, seine Lebensweise zu ändern. Nicht weit von San Germano, beim Hafen von Gaeta, befindet sich ein berühmter Berg, der durch drei bis auf den Grund gehende Risse gespalten ist, was der Legende nach beim Tode Christi geschah. Auf dem mittleren Felsen stand ein kleines Kirchlein, berühmt durch ein uraltes Kruzifix, das die Seeleute beim Vorüberfahren mit ihrem Geschütz zu grüßen pflegten. An diesem Ort hielt sich Philipp sehr oft auf, um das Leiden Christi zu betrachten. Er entfremdete sich dadurch immer mehr der Welt und fasste den Entschluss, den Kaufmannsberuf aufzugeben, um Gott mit ganzem Herzen dienen zu können. Der Onkel merkte jedoch, was sein Neffe vorhatte und versuchte mit allen Mitteln, ihn von seinem Vorhaben abzubringen: Er versprach, ihn zum alleinigen Erben einzusetzen und hielt ihm vor, dass er der Letzte seines Geschlechts sei, dessen Name sonst verlöschen würde. Er dürfe eine so wichtige Angelegenheit nicht schnell und unüberlegt beschließen. Auch meinte der Onkel, dass er sich wegen der empfangenen Wohltaten dankbarer erzeigen könnte und auf ihn hören sollte. Darauf antwortete Philipp mit großer Bescheidenheit: Er werde niemals die empfangenen Wohltaten vergessen. Im Übrigen schätze er die Liebe, die er ihm erwiesen habe viel mehr als den Rat, den er ihm gebe.

3. Philipp begibt sich nach Rom

Zwei Jahre hatte sich Philipp bei seinem Onkel in San Germano aufgehalten, und, damit er von seinem Vorhaben nicht abgehalten werde, verließ er ihn im Jahr 1533 ungefragt und ging nach Rom, ohne irgendjemanden zu informieren. Dort fand er schnell einen Ort, wo er, wie er es sich gewünscht hatte, Christus ganz hingeben konnte. Er begab sich zu einem Florentinischen Edelmann, Galeotto Caccia, den er wohl noch aus Florenz kannte: Dieser nahm ihn, nachdem er seine Bescheidenheit und seine Armut erkannte, in sein Haus auf. Er wies ihm ein kleines Zimmer zu und ordnete an, dass ihm jedes Jahr ein Sack Korn gegeben werde. Philipp brachte diesen Sack Korn zu einem Bäcker, bei dem er sich täglich davon ein Brot holte, das ihn am Leben erhielt. Aus Dankbarkeit für diese Wohltat unterrichtete und erzog er die beiden Söhne Galleotos, die noch klein waren, und brachte sie in kurzer Zeit so weit, dass sie kleinen Engeln glichen.

An diesem Ort blieb Philipp viele Jahre und führte ein asketisches Leben. Er mied die Menschen so sehr, dass viele sagten, er führe ein wahres Einsiedlerleben. Er war sehr bescheiden im Essen und Trinken. Anfangs hoben ihm die Hausgenossen übriggebliebene Speisen auf, er aber begnügte sich mit einem Stück Brot, das er am Brunnen im Hof aß, zusammen mit einem Schluck Wasser. Bisweilen aß er dazu ein paar Oliven oder Kräuter. Öfters blieb er auch drei Tage ohne Speise. Seine Zelle war so arm, dass sie außer dem Bett und einigen Büchern fast nichts enthielt. Seine wenigen Kleider hingen über einem Strick, der quer durchs Zimmer gespannt war. Er gab sich ganz dem Gebet hin und verbrachte darin bisweilen ganze Tage und Nächte. Diese besondere Art zu leben begann nicht nur in Rom bekannt zu werden, sondern auch in seiner Heimatstadt Florenz und anderen Städten des Welschlandes.

4. Philipp studiert Philosophie und Theologie

Während Philipp weiter dieses strenge Leben führte, begann er neben seinen Andachtsübungen auch Philosophie und Theologie zu studieren. Er hörte am Collegium Romanum Philosophie bei den bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit und Theologie studierte er in den Schulen der Augustiner. Er war darin so erfolgreich, dass er bis ins hohe Alter, in dem er noch ein glänzendes Gedächtnis besaß, mit seinen geistlichen Söhnen diskutierte, die noch im Studium waren. Er diskutierte, wenn auch nicht oft, mit den gelehrtesten Theologen seiner Zeit. Er sprach mit einer Tiefe und einem Scharfsinn, dass es ein Vergnügen war, mit ihm theologische Gespräche zu führen. Mit anderen aber diskutierte er nur wenig und verhielt sich so, als hätte er die Schule nur von weitem gesehen. Diese Erfahrung machte ein gelehrter Prälat, der im Weggehen nach einem Gespräch sagte: Diesen Pater hielt ich für einen ungelehrten und einfältigen Mann, doch habe ich gemerkt, dass er in Wahrheit ein frommer und in den Wissenschaften vortrefflich gebildeter Mann ist. Das Selbe widerfuhr auch Alessandro Sauli, Bischof von Pavia, einem frommen und gebildeten Mann. Er sprach mit Philipp über einige theologische Fragen und staunte über die gelehrten Antworten, die dieser ihm gab, den er bisher zwar für einen Heiligen aber für keinen großen Gelehrten gehalten hatte. Daher kam es vor, wenn jemand in Gesprächen eine Behauptung aufstellte oder unklar über das Göttliche gesprochen wurde, dass er auf den Katheder stieg und die Dinge mit solch schlagenden Beweisen und solchem Nachdruck erklärte, dass jeder meinte, er besäße mehr eine eingegossene als eine erworbene Wissenschaft. In der Theologie folgte er ganz der Lehre des hl. Thomas von Aquin, dessen Schriften er sein Leben lang bei sich trug. Auch beschäftigte er sich unablässig damit, die Heilige Schrift zu lesen und sie zu meditieren. Als er noch jung war, liebte er auch die Poesie. Er verfasste sehr schöne Verse und Reime – sowohl in lateinischer wie auch in italienischer Sprache. Leider ließ er fast alle seine Schriften aus Demut vor seinem Tode verbrennen.

Auch während des Studiums verbrachte er ganze Nächte im Gebet. Außerdem besuchte er in den Spitälern der Stadt die Kranken und Schwachen, um ihnen zu dienen. In den Vorhallen von St. Peter oder von S. Giovanni in Laterano unterrichtete er die Armen im Glauben. Er unternahm alles, was er für wichtig hielt für das Heil der Seelen. In der Zeit, als er noch Theologie studierte, hing in dem Vorlesungsraum ein besonderes Kruzifix, das ihn bei jedem Hinsehen zu Tränen rührte. Wie er in Florenz der „gute Pippo“ genannt wurde, hieß er jetzt auch in Rom der „gute Philipp“.

5. Philipp hört auf zu studieren und übergibt sich
ganz Christus

Als Philipp meinte, durch das Studieren und das Lesen geistlicher Bücher so weit vorangekommen zu sein, wie es zum Wachstum des eigenen Heils und dem des Nächsten erforderlich war, machte er sich den Ausspruch des hl. Apostels Paulus zu eigen, nicht mehr zu wissen, als nötig – nichts anderes mehr zu lernen und zu wissen, als Christus, den Gekreuzigten4. Daher verkaufte er zuerst alle Bücher über die weltlichen Wissenschaften und gab das Geld den Armen. Nach diesem Werk der Liebe widmete er sich noch eifriger dem Gebet. Er betete Tag und Nacht, manchmal bis zu 40 Stunden lang. Um das aber besser verrichten zu können, begann er, seinen Leib noch härter zu kasteien: Er schlief auf der Erde, geißelte sich täglich und mied die Gemeinschaft der Menschen. Vor allen Dingen übte er das Stillschweigen, und soweit es das Institut erlaubte, beobachtete er es sein Leben lang. Er besuchte oft die sieben wichtigsten Kirchen und dazu die Katakomben des hl. Sebastian. Als Wegzehrung für einen ganzen Tag nahm er nur ein Brot mit sich und hatte immer ein Buch in der Tasche. Er verbrachte ganze Nächte im Gebet. Dieses Leben führte er zehn Jahre lang. Deshalb stellte Franziscus Cardone, Novizenmeister im Kloster della Minerva, ihn den Novizen als ein Muster der Buße vor und wiederholte oft: „Philipp Neri ist wirklich ein sehr heiliger Mann“.

Wenn Philipp manchmal die Kirchentür verschlossen fand, verbrachte er die Nacht in der Vorhalle, hielt seine Betrachtungen und las manchmal bei Mondschein ein geistliches Buch, denn er war so arm, dass er sich keine Kerze leisten konnte. Er wurde in dieser Zeit mit solch einer Fülle von Gnaden überschüttet, dass er es bisweilen nicht mehr ertragen konnte und aufschrie: „Oh gütiger Gott, es ist genug; genug ist es, ich bitte Dich, hör auf, denn ich kann nicht mehr ertragen!“ Deswegen ist es kein Wunder, dass er, voll der Gnade Gottes, oft sagte: „Die wahren Diener Gottes ertragen das Leben mit Geduld und sehnen sich nach dem Tode.“

Aber Gott hat Seinen Diener nicht nur mit geistlichen Gnadengaben und Verzückungen durch die bösen Geister ertragen, trug aber immer den Sieg davon.

6. Die wunderbare Erweiterung seines Herzens

Philipp hatte fast zehn Jahre dieses Leben geführt und stand im neunundzwanzigsten Lebensjahr, als Gott ihm zu den vielen Gnadengaben, die er schon empfangen hatte, noch eine besondere Gabe schenkte: Die wunderbare Erweiterung seines Herzens, die das Brechen und die Erhöhung zweier seiner Rippen zur Folge hatte. Und das geschah auf folgende Weise:

Kurz vor dem Pfingstfest, während er, wie er es täglich zu tun pflegte, innigst um die Gaben des Heiligen Geistes betete, erschien ihm eine feurige Kugel, die durch seinen Mund in seine Brust eindrang. Sein Herz wurde von der göttlichen Liebesflamme so entzündet, dass er sich zu Boden warf und seine Brust entblößte, um Kühlung zu erlangen. Als diese Hitze etwas nachgelassen hatte, sprang er auf, legte seine rechte Hand auf das Herz und fand dort eine faustgroße Geschwulst. Die Ursache dieser Geschwulst sah man erst nach seinem Tod: Als die Ärzte seinen Leib öffneten, fanden sie zwei Rippen, die aus dem Brustbein herausgebrochen waren und wie ein Bogen erhöht standen, und die in den fünfzig Jahren, die er noch gelebt hatte, nie mehr eingewachsen waren. Er hatte aber, für alle unverständlich, sowohl damals wie auch später niemals Beschwerden oder Schmerzen dadurch erleiden müssen. Von diesem Augenblick bis an sein Lebensende überfiel ihn immer wieder ein heftiges Zittern des Herzens. Wenn er die Hl. Messe zelebrierte oder mitfeierte, anderen das Altarsakrament reichte, betete und dergleichen mehr, schien sein Herz aus der Brust springen zu wollen. Dieses Zittern wurde bisweilen so heftig, dass der Sessel, das Bett, ja das ganze Zimmer zu beben schienen. Als er einmal in St. Peter auf einer großen (Grab-) Tafel kniete, begann er am ganzen Leib zu zittern, was sich auf die Tafel übertrug, so dass diese auf und ab schwang, als wäre sie ganz leicht.

Sooft Philipp eines seiner geistlichen Kinder an die Brust drückte, fühlten sie die Bewegung seines Herzens so stark, dass ihre Köpfe wie von einem heftigen Stoß zurückprallten. Dabei fühlten sie eine wunderbare Tröstung und geistliche Freude. Manche wurden während dieser Zeit von allen schlechten Gedanken befreit. Ein solches Zeugnis hinterließ Tiberius Riccardelli, Kanonikus in St. Peter, der Philipp vier Jahre lang freiwillig diente: „Während ich dem Vater diente, überfiel mich ein unreiner Gedanke. Als ich ihm dies sagte, forderte er mich auf, näher zu ihm zu kommen: „Tiberius komm her, dicht an meine Brust.“ Er drückte mich an sich, und von jetzt an hatte ich überhaupt keine Anfechtungen mehr durch unreine Gedanken.“ Das Gleiche wie Tiberius bezeugte auch Marcellus Vittolesci, Kanonikus in Santa Maria Maggiore und ebenfalls ein geistlicher Sohn Philipps. Sehr oft, wenn Philipp wusste, dass dieser an solchen Versuchungen litt, fasste er ihn am Kopf und drückte ihn an sich, ohne ein Wort zu sprechen, und jedes Mal wurde er sofort von der Versuchung befreit. Vom Herzen ausgehend breitete sich eine so große Hitze über seinen ganzen Körper aus, dass er auch noch im hohen Alter, obwohl abgemagert, selbst im tiefsten Winter mit entblößter Brust, bei offenen Fenstern und Türen, Kühlung suchte. Man hat ihn so auch bei Eis und Kälte, als er schon ein alter Mann war, durch die Stadt gehen sehen. Die Ärzte mussten mehr als einmal bei ihm unangenehme Arzneien und Mittel anwenden. Er sagte dann scherzhaft: „Ach wollte Gott, sie könnten die Ursache meiner Krankheit erkennen!“ Damit wollte er andeuten, dass seine Krankheit keine natürliche Ursache hatte, sondern, dass er von der Liebe Gottes verwundet worden war. Diese Aussage machte er immer wieder. Mit der Liebe Christi aufs Innigste verbunden, sang er Lieder wie dieses:

Wie gern möchte ich von dir wissen,
wie es denn gemacht ist – jenes Netz der Liebe,
das so viele einfängt.

Er wurde immer wieder so sehr vom Heiligen Geist überwältigt, dass er sich, einer Ohnmacht nahe, aufs Bett warf, und sich an ihm der Spruch aus dem Hohen Lied erfüllte: „Überschüttet mich mit Blumen, stärkt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe“. Damit aber nicht jeder die Ursache dieser „Ohnmachtsanfälle“ erkennen sollte, sprach er von einer schlechten körperlichen Verfassung. Er hielt fast immer ein Tüchlein an seine Brust, um die Geschwulst und die Erhöhung der Rippen zu verbergen. Das Klopfen seines Herzens hing ganz von seinem freien Willen ab, wie er nicht nur einmal seinem Freund, Kardinal Federigo Borromeo, gegenüber versicherte. Es war am stärksten während dem Gebet und der Betrachtung und keineswegs schmerzhaft. Aus gutem Grund schrieben seine Ärzte in verschiedenen Abhandlungen, dass sich bei Philipp diese Erweiterung und Erhöhung der Rippen aus der besonderen Fürsorge und Güte Gottes ereignet hätten, damit das Herz bei dem heftigen Zittern und bei den Bewegungen nicht verletzt würde.

Nachdem Philipp von Gott diese Gaben empfangen hatte, fing er an mit noch größerem Eifer die sieben Hauptkirchen zu besuchen. Eines Tages sank er während des Gebetes, vom Geist Gottes überwältigt, zu Boden und schrie auf: „Ich kann nicht so viel ertragen, o Gott! Ich kann nicht so viel tragen, o Herr! Denn siehe, ich bin am Sterben.“ Daraufhin milderte Gott die Gewalt der Liebe. Trotzdem ermahnte Philipp seine geistlichen Kinder, sie sollten bereit sein, im geistlichen Leben die Trockenheit zu ertragen, solange es Gott gefalle und ohne sich zu beklagen, ebenso wie sie sich sehnen, himmlische Dinge zu verkosten.

7. Philipp beginnt, den Nächsten zu helfen

Nachdem Philipp längere Zeit ganz von den Menschen abgesondert gelebt hatte, fühlte er sich von Gott zur Bekehrung der Seelen berufen. Seit dem Jahr 1538 ging er überall dorthin, wo Menschen sich versammelten. Wo immer sich eine Gelegenheit ergab, sprach er über göttliche Dinge. Die jungen Leute ermahnte er, Gott zu dienen, indem er sagte: „Ei, meine Brüder, wann werden wir anfangen Gutes zu tun?“ Durch seine natürliche Freundlichkeit und sein wunderbar anziehendes Wesen konnte er viele für Gott gewinnen. Unter denen, die er bekehrte, war Henrico Pietra aus Piacenza, der unter Philipps Führung seinen Kaufmannsberuf aufgab und Priester wurde. Ebenso geschah es mit Theseus Raspa: Auch er war Kaufmann und wurde dann Priester. Auch andere führte er auf diesen Weg, wovon wir noch hören werden. Als seine Liebe zu den Menschen immer mehr zunahm, begann er, unter der besonderen Führung des Heiligen Geistes, auch Gemeinschaft mit den gottlosesten Menschen zu pflegen (niemals allerdings mit den verkommenen Frauen jener Zeit), von denen er viele zur Umkehr bewegte. Unter diesen gab es einen Geizhals, der tief in Wuchergeschäfte verstrickt war und zudem ein zügelloses Leben führte. Durch Philipps Bemühungen hatte er sich bekehrt und zu einem Priester begeben, um seine Sünden und Laster zu beichten und zu büßen. Da er sich aber zu schwach fühlte, das Versprechen zu geben, die nächste Gelegenheit zur Sünde zu meiden, wurde ihm die Absolution verweigert. Er kam traurig zu Philipp und berichtete ihm darüber und bat ihn, für ihn zu beten. Philipp beruhigte und tröstete ihn und sagte, dass er für ihn bei Gott Fürsprache halte wolle. Das Gebet wurde erhört, denn als er bei der nächsten Gelegenheit zu sündigen widerstand, erhielt er von dem Priester die ihm zuvor verweigerte Absolution. Als Philipp noch ein gut aussehender junger Mann war, wollten einige gottlose Männer ihn zur Sünde verführen. Philipp aber begann mit großem Eifer zu ihnen von der Hässlichkeit des Lasters und der Schönheit der Tugenden zu sprechen, dass die, die ihn hatten verführen wollen, durch seine Worte bekehrt wurden.

Durch den geistlichen Einfluss Philipps waren viele in verschiedene Ordens-gemeinschaften eingetreten. Der hl. Ignatius von Loyola, der Gründer der „Gesellschaft Jesu“, der sich zu jener Zeit in Rom aufhielt, nannte Philipp eine Glocke, die andere in den Ordensstand rufe, selbst aber in der Welt bleibe: Wie eine Glocke, die die Menschen in die Kirche ruft, selbst aber im Turm hängen bleibt. Ignatius wünschte sich Philipp in seine „Gesellschaft Jesu“, doch Gott hatte andere Pläne mit ihm. Während Philipp sich so eifrig um das Heil der Seelen bemühte, unterließ er jedoch nicht die tätigen Werke der Nächstenliebe: Er besuchte häufig die Krankenhäuser, machte die Betten, putzte und beseitigte den Unrat, brachte die Speisen und dergleichen mehr. Vor allem aber stand er den Sterbenden bei, von denen er nicht wich, bis sie gestorben waren oder es ihnen wieder besser ging.

Diese Werke der Nächstenliebe bewogen viele Herzen zur Nachahmung: Nicht nur Geistliche, auch Laien und Adelige besuchten oft die Kranken – und Siechenhäuser, wo sie an den Kranken die demütigsten Dienste verrichteten. Hierin ist der Ursprung der „ministrantes infirmes“, der Diener der Kranken zu sehen, die in Camillus von Lellis9 ihren Vater verehren, der ebenfalls ein geistlicher Sohn Philipps war. Um die Väter dieses Ordens in ihrem Dienst zu ermutigen, erzählte Philipp, dass er selbst gesehen habe, wie bei zwei Mitgliedern dieser Gesellschaft, die Sterbenden beistanden, Engel ihnen die Worte für die scheidenden Seelen einflüsterten. In den Chroniken und Büchern dieser Gemeinschaft kann man darüber nachlesen.

8. Philipp gründet mit einigen Gleichgesinnten
die Bruderschaft der Hochheiligsten Dreifaltigkeit

Philipp fand noch einen anderen Weg zum Heil der Seelen: Am 16. August 1548 gründete er mit Pater Persiano Rosa, seinem Beichtvater, in der Kirche San Salvatoris in Campo die „Bruderschaft der Hochheiligsten Dreifaltigkeit“ für Pilger und Genesende. An diesem Ort traf sich Philipp mit bis zu fünfzehn Personen. Sie empfingen häufig die Sakramente, beteten und führten geistliche Gespräche, um sich gegenseitig auf dem Weg zur Vollkommenheit zu bestärken. An jedem ersten Sonntag im Monat hielten sie das vierzigstündige Gebet vor ausgesetztem Allerheiligsten, wie es sonst nur in der Karwoche üblich war. Während dieser Zeit, sprach Philipp zu den Anwesenden, so voll des Heiligen Geistes, dass keiner diesen Worten widerstehen konnte. Einmal führte er durch seine Predigt dreißig junge Männer auf den Weg der Umkehr. Einige, die gekommen waren, um ihn, den Laien, beim Predigen auszulachen, wurden durch die Kraft seiner Worte bekehrt.

Die meiste Zeit des Gebetes, am Tag oder in der Nacht, verbrachte Philipp in der Betrachtung. Jede Stunde schickte er die, die gebetet hatten weg, und rief andere herbei, während er sagte: „Liebe Brüder, die Stunde ist zwar verflossen, aber nicht die Zeit, Gutes zu tun.“ Von Anfang an war die Aufgabe dieser Bruderschaft (wie sie es heute noch ist), Pilger zu beherbergen und zu verköstigen. Im Jubiläumsjahr (1550), unter Papst Julius III., wurde dieses Werk der Nächstenliebe anerkannt. Da in diesem Jahr die Zahl der Rom-Pilger so angewachsen war, dass sich kaum noch eine Herberge für sie fand, nahm sich Philipp ihrer mit seinen Gefährten liebevoll an. Da aber die Zahl der ankommenden Pilger gar zu groß wurde, war es nötig, ein größeres Haus zu finden. Dieser Dienst der Nächstenliebe an den Pilgern wurde für viele zum Ansporn, Ähnliches zu tun: den Pilgern die Füße zu waschen, ihnen Speisen zu bringen, sie zu beherbergen, Betrübte zu trösten und ihnen auf verschiedene Weise Liebe zu schenken. Der gute Ruf der Bruderschaft verbreitete sich dadurch so sehr, dass immer mehr Menschen baten, in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Die ersten Mitglieder dieser Bruderschaft verehrten Philipp als ihren Vater. Sie lebten sehr ärmlich, waren aber reich an geistlichen Gütern: Einer von ihnen, der in der Küche die niedrigsten Dienste verrichtete, erlangte einen so hohen Grad an Vollkommenheit, dass er bei der Betrachtung der Größe und Allmacht Gottes oft in Verzückung geriet. Ein anderer aus der Bruderschaft sah seine Todesstunde voraus und verschied in Frieden an dem Tag und zu der Stunde, die er seiner Schwester genannt hatte.

Als die barmherzigen Männer merkten, dass die Kranken zu früh aus den Spitälern weggeschickt wurden und so in Gefahr waren, noch schwerer zu erkranken, beschlossen sie, diese noch einige Tage im gleichen Spital zu pflegen und zu verköstigen. Da es immer mehr Pflegebedürftige wurden, zogen sie von der Kirche San Salvatoris in Campo an einen nähergelegenen Ort, dorthin, wo jetzt die Kirche der Hochheiligsten Dreifaltigkeit steht, in dem Stadtviertel della Regula. Das segensreiche Wirken dieser Gemeinschaft, in der selbst höchste Würdenträger und Adlige die demütigsten Dienste an den Pilgern verrichteten: ihnen die Füße wuschen, bei Tisch aufwarteten, ihnen Almosen reichten und dergleichen mehr, sodass sich ihr Ruf weithin verbreitete, setzt sich bis heute fort.

9. Philipp wird zum Priester geweiht und erhält
die Erlaubnis, Beichte zu hören

Weil Gott Philipp zu einem besonderen Dienst zum Heil der Seelen auserwählt hatte und er als Laie diese Aufgabe nicht vollbringen konnte, begann sein Beichtvater, Persiano Rosa, ihn zu drängen, sich weihen zu lassen. Aber Philipp sträubte sich und entschuldigte sich mit allen möglichen Schwächen, um ihn umzustimmen. Doch sein Beichtvater verlangte von ihm vollen Gehorsam. Im Jahr 1551, das Trienter Konzil war noch nicht zu Ende – Philipp war 36 Jahre alt – erhielt er im März an verschiedenen Tagen in der Kirche St. Thomas in Parione die erste Tonsur, die vier niederen Weihen und wurde Subdiakon. Im selben Jahr wurde er in der Karwoche in der Kirche San Giovanni in Laterano zum Diakon geweiht, und am 23. Mai desselben Jahres empfing er die Priesterweihe. Philipp wohnte von jetzt an mit mehreren frommen Priestern zusammen im Haus St. Hieronymus, unter ihnen sein Beichtvater Persiano Rosa und Caesare Baronius. Sie lebten in diesem Haus ohne Oberen und ohne Regel zusammen. Ihre einzige Regel war die gegenseitige Achtung und Liebe. Und der einzige Ehrgeiz, den sie hatten, bestand darin, einander im Dienst für Gott und den Nächsten zu übertreffen. Seit Philipp zum Beichtvater erwählt wurde, konnte er an diesem Ort noch mehr zum Heil der Seelen wirken.

10. Ursprung der allgemeinen Predigten

Weil man zu jener Zeit gegenüber allem, was das Heil der Seelen betraf, sehr nachlässig war und meinte, es sei genug, ein bis zweimal im Jahr seine Sünden zu beichten, wurde es Philipps großes Anliegen, die Menschen wieder zu den Sakramenten und zu einem Leben aus dem Glauben zu führen. Daher begann er mit den Priestern von St. Hieronymus den Menschen die Sakramente näher zu bringen. Damit dies besser gelingen konnte, schob er alles Andere bei Seite und begann, vor allem Beichte zu hören. Da eine so große Zahl an Beichtwilligen zu ihm kam und er die Früchte erkannte, fing er an, auch einen Teil der Nacht für die Büßenden da zu sein, denen er einen Schlüssel für sein Zimmer auf die Schwelle legte, so dass diese nach ihren Bedürfnissen zu ihm kommen konnten. Wenn die Kirche aufgeschlossen wurde, begab er sich sogleich in den Beichtstuhl und verließ diesen nur, um die Hl. Messe zu lesen, oder wenn er zu einem Notfall gerufen wurde. War aber niemand da, blieb er in der Nähe des Beichtstuhls, lesend oder betend, um immer bereit zu sein. Beim Beichthören empfand er, nach seiner eigenen Aussage, eine so große innere Freude, dass er diesen Dienst bis an sein Lebensende nicht mehr aufgab, es sei denn, seine Ärzte verboten es ihm ausdrücklich Und wenn ihn jemand fragte: „Pater, warum strengt ihr euch so sehr an?“ antwortete er: „Mein Sohn, es ist keine Anstrengung, sondern vielmehr eine Erholung.“ Aber es war Philipp nicht genug, die Menschen nur auf diesem einen Weg anzulocken, er wollte sie auf dem Weg zu Gott auch kräftigen und stärken. Er lud sie nach dem Mittagessen in sein Zimmer ein (als weiser Mann wusste er wohl, dass das die Stunde der größten Versuchungen war, vor denen man sich besonders hüten sollte). Sie standen im Kreis um ihn, während sich Philipp irgendwo anlehnte oder auf dem Bett saß. Er sprach über Tugenden und Laster und über das Leben von Heiligen, woraus sich eine Diskussion entwickelte. Philipp fasste zum Schluss noch einmal das Ganze zusammen und brachte dann seine Ansicht mit solcher Inbrunst vor, dass durch das Klopfen seines Herzens nicht nur das Bett sondern bisweilen das ganze Zimmer erschüttert wurde und sein Leib in die Luft erhoben wurde. Zu Beginn waren es etwa 7 bis 8 Personen, die an den Gesprächen teilnahmen. Als es mehr wurden, mietete Philipp auf seine Kosten einen größeren Raum im gleichen Haus.

11. Die ersten geistlichen Söhne Philipps

Mit diesen geistlichen Übungen lockte Philipp auch viele der vornehmsten Männer der Stadt an. Vor allem ist Johannes Baptista Salviati zu nennen, ein Neffe von Katharina Medici, der Königin von Frankreich. Dieser schämte sich nicht, auch die demütigsten Dienste – besonders in den Krankenhäusern – um Christi willen zu tun (was damals bei den Adligen als Schande galt). Er tat dies alles mit großem Eifer und voll Liebe, aber die Kranken wollten oft diesen Dienst von ihm wegen seiner hohen Stellung nicht annehmen, so dass er sich mit ihnen streiten musste. Eines Tages, als er wie gewohnt im Krankenhaus die Betten machte, kam er zu einem Mann, der ihm ehemals gedient hatte. Dieser weigerte sich, von seinem ehemaligen Herrn bedient zu werden. Keiner von beiden wollte nachgeben und es entstand ein Streit. Aber nach einer Weile siegte die Demut des Herrn über die Ehrerbietung des Dieners. Dieser Adlige, der zuvor mit einer Schar von Dienern und prächtig gekleidet durch die Stadt stolziert war, legte jetzt alle Äußerlichkeiten ab. Philipp jedoch forderte ihn auf, sich seinem Stande entsprechend zu kleiden; auch sollte er, um dem Namen seiner Familie nicht zu schaden, eine entsprechende Dienerschaft behalten. Als er am Ende seines Lebens in den Armen Philipps starb, konnte er mit Recht die Worte aus dem 122. Psalm singen: „Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern“.

Unter Philipps Einfluss trat Portia de Massimi, die Frau von Johann Baptista, nach dem Tod ihres Mannes in Florenz in ein Frauenkloster ein. Als sie aber aus gesundheitlichen Gründen nach Rom zurückkam, trat sie dort in das Frauenkloster St. Catharina von Siena in Viminali11 ein und starb im hohen Alter so fromm, wie sie gelebt hatte. Franziscus Maria Taurusius, ein Politiker, mit Papst Julius III. verwandt, stellte sich, nach seiner Bekehrung und dem Ablegen einer Lebensbeichte, ganz unter die Führung Philipps und gab das Hofleben mit seinem Glanz auf. Auch er liebte Philipp sehr. Taurusius war so voller Liebe und Eifer, dass er eher gebremst als angespornt werden musste. Dem Willen Gottes war er ganz ergeben und behielt den bei seiner Bekehrung gewonnenen Frieden bei. So groß war seine Meinung über die Heiligkeit Philipps, dass er, nachdem er Kardinal geworden war, sich rühmte, 50 Jahre lang ein Novize Philipps gewesen zu sein. Er hatte die besondere Gabe des Gebetes und der Tränen und wurde von Baronius in seinen Annalen ein „Führer des Wortes“ genannt. Er starb im hohen Alter von 83 Jahren im Kreis der Patres, die er inständig gebeten hatte, seine letzten Tage in ihrer Kongregation verbringen zu dürfen.

Unter den Vielen, die Philipp zum geistlichen Leben erzog, war Costantius Tassone, der das Leben am Hof so reizvoll fand, dass er glaubte, nicht davon lassen zu können. Doch durch das Zusammenleben mit Philipp erreichte er einen hohen Grad an Heiligkeit – es gab nichts, was er nicht aus Liebe getan hätte – beichtete und empfing die Sakramente beinahe täglich, besuchte jeden Tag die Kranken- und Siechenhäuser und schlug kein Werk aus, das Philipp ihm auferlegte. Priester geworden, las er jeden Tag die Hl. Messe, schlug eine reiche Pfründe aus und wurde von Kardinal Carlo Borromeo nach Mailand berufen. Als er im Auftrag dieses Kardinals nach Rom reiste und dabei Philipp traf, sagte ihm dieser seine Todesstunde voraus, und er verstarb in dessen Armen.

Johannes Baptista Modio aus Calabrien, Doktor der Medizin, war ein weiterer geistlicher Sohn Philipps. Er war durch ein Steinleiden todkrank. Philipp betete für ihn und als eine seiner Tränen auf das Bett fiel, ging der Stein ab. Dankbar übergab er sich ganz der Leitung und dem Schutz Philipps. Er war sehr sanftmütig und obwohl ein Laie, wurde er von Philipp dazu bestimmt, im Oratorium das Leben der Heiligen vorzutragen. Auch Viele aus den ersten Familien Italiens waren seine Beichtkinder und leuchtende Vorbilder am römischen Hof. Aber auch andere, von niederer Herkunft, gehörten zu seinen Schülern: Der erste war Stephano, ein Schuster aus Rimini, der im Kriegsdienst das wüsteste Leben geführt hatte. Als er nach Rom kam und sich zu einem dieser allgemeinen Gespräche in das Oratorium von St. Hieronimus begab, setzte er sich auf eine der hintersten Bänke. Aber Philipp, der ihn nie zuvor gesehen hatte, kam auf ihn zu und führte ihn zu einem der vorderen Plätze. Angezogen von Philipps Freundlichkeit und dem Worte Gottes kam er von nun an täglich zu diesen Gesprächen, empfing die Sakramente und legte allmählich die bösen Neigungen ab. Obgleich sehr arm, gab er von nun an alles, was er durch die Schuhmacherei in der Woche verdiente und nicht selbst brauchte, den Armen. Er betrachtete stets den Tod und bereitete sich darauf vor, als müsse er noch am selben Tag sterben, verlor aber nie sein fröhliches Gesicht und sein heiteres Wesen. Er war ganz dem Gebet und dem Gehorsam ergeben und wurde von Gott mit großen Gnaden beschenkt. 33 Jahre lang führte er ein abgesondertes Leben in einem kleinen Häuschen. Auf die Ermahnungen von Freunden, er könne einmal ohne Hilfe sterben, erwiderte er, er verließe sich ganz auf den Schutz der seligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, sie werde ihn nicht verlassen. Als er dann wirklich eines Nachts in Todesgefahr geriet, ging er vor das Häuschen und schrie zu den Nachbarn, ihm zu helfen und geistlichen Beistand für ihn zu holen. Er starb danach ganz sanft, mit allem versehen.

Ein weiterer geistlicher Sohn Philipps war Thomas Siciliano. Er hatte einen so hohen Grad an Demut erreicht, dass es ihm als höchste Ehre erschien, die Kirche St. Peter im Vatikan mit dem Besen auszukehren. Dieses Amt übte er mit größtem Fleiß und höchster Gewissenhaftigkeit aus. Niemals verließ er tagsüber die Kirche, und in der Nacht schlief er neben einem Altar. Eines Nachts konnte der Teufel es nicht mehr ertragen und machte einen furchtbaren Lärm. Thomas stand eilends auf, zündete eine Kerze an und suchte die ganze Kirche ab, ob sich irgendwo ein Dieb versteckt hätte. Da sah er den Teufel in einer gräulichen Gestalt hinter einer Säule stehen. Unerschrocken lief er mit erhobener Hand auf ihn zu, um ihn zu ohrfeigen. Aber der „Vater der Hoffart“ verschwand beschämt. Thomas ging unbeeindruckt wieder an seinen Platz, um weiterzuschlafen.

Ein weiterer Schüler Philipps war Ludovicus von Spoleto, der zur Ehre des hl. Franziskus ein aschfarbenes Gewand trug. Sehr arm, war er jedoch reich an Tugenden. Er führte ein so reines Leben, dass ihm Philipp die Aufsicht über die Mädchen von St. Catharina de Rosa gab. Als er Philipp bat, ihn von diesem Amt zu befreien, gab ihm dieser die Erlaubnis nicht, da er die Beständigkeit in seinen Tugenden kannte. Philipp hatte noch viele andere geistliche Kinder in Christus; von einigen werden wir noch sprechen.

12. Der große Eifers Philipps, den Glauben auszubreiten

Bei den täglichen Treffen Philipps mit seinen geistlichen Söhnen wurden bisweilen Briefe vorgelesen, die von den Patres aus der „Gesellschaft Jesu“ aus Indien eintrafen. Philipp überlegte bei sich, wie groß doch die Ernte sei und wie wenig Arbeiter es gäbe. Er beschloss, wenn es Gottes Wille sei, nach Indien zu reisen, um dort den Glauben zu verbreiten und, wenn nötig, auch sein Blut für Christus zu vergießen. Über dieses Vorhaben sprach Philipp mit etwa zwanzig seiner engsten Vertrauten, darunter auch Taurusius, mit dem er besonders eng verbunden war. Einigen von ihnen riet er, sich zum Priester weihen zu lassen, um so, versehen mit dem Segen des Papstes, nach Indien reisen zu können. Weil er aber niemals wichtige Entscheidungen traf ohne Gebet, reifliche Überlegung und einen guten Rat, wandte er sich an einen Mönch aus dem Benediktiner Kloster St. Paul vor den Mauern, der ihn aber zu einem Zisterzienser, Augustinus Ghettini, schickte, der Prior im Kloster St. Vincentius und Anastasius war, bei den drei Fontänen. Dieser war für seine Heiligkeit berühmt. Er verehrte besonders den hl. Johannes, den Evangelisten. Man sagte, er besitze auch die Gabe der Prophetie. Er selbst sagte, dass er durch den hl. Johannes viele Gnaden empfangen habe. Der hl. Johannes sagte Augustinus auch voraus, dass er an seinem Festtag sterben werde. Diesen heiligen Mann fragte Philipp um Rat. Der Mönch bat um Zeit, um eine reife Antwort geben zu können. Als Philipp zur angegebenen Stunde wieder zu ihm kam, sagte ihm Augustinus, der hl. Johannes sei ihm erschienen und habe gesagt: „Dein Indien ist Rom!“ Gott habe ihn dort zum Heil vieler Seelen bestimmt. Und er setzte hinzu, er habe das Wasser der drei Fontänen blutrot gesehen. Das habe der hl. Johannes so gedeutet, dass Rom eine Zeit großer Angst und Not bevorstehe. Nach diesen Worten war Philipp beruhigt und nahm sich vor, bis zu seinem Tod in Rom zu bleiben und sich dort ganz dem Heil der Seelen aufzuopfern.

Der Eifer, Ungläubige zu bekehren, ist aber in Philipp nie erloschen: Was ihm nicht erlaubt war, in Indien zu tun, bemühte er sich eifrig, in Rom zu verwirklichen. Als er eines Tages zusammen mit Prospero Cribellio auf dem Weg in die Kirche St. Giovanni in Laterano war, schloss sich ihnen ein Jude an. Während die beiden vor dem Allerheiligsten Altarsakrament auf die Knie fielen, blieb der Jude, mit bedecktem Haupt stehen und kehrte diesem den Rücken zu. Philipp wandte sich zu ihm um und sagte: „Mein Freund, ich bitte dich, so mit mir zu beten: „Wenn du, Christus, wirklich Gott bist, so gib mir den Gedanken ein, Christ zu werden.“ Der Jude antwortete: „Das sei mir fern, dass ich meinen Glauben in Zweifel zöge!“ Philipp bat die Anwesenden, für ihn zu beten, denn so würde er den Glauben ohne Zweifel annehmen. Auf das Gebet und die geistlichen Übungen Philipps und der Anderen ließ sich der Jude taufen und wurde ein Christ.

Am Vorabend des Festes Peter und Paul kam Marcellus Ferro, ein Priester und ebenfalls ein geistlicher Sohn Philipps, am Eingang von St. Peter mit zwei jungen Juden ins Gespräch und konnte sie überreden, Philipp in St. Hieronymus aufzusuchen. Sie waren so von Philipp beeindruckt, dass sie ihn mehrere Monate lang täglich besuchten. Als sie plötzlich nicht mehr erschienen, bat Philipp Marcellus, sie zu suchen. Er fand den Einen todkrank in der Wohnung seiner Mutter. Durch den Besuch aufgemuntert und durch das Gebet von Philipp und Marcellus gestärkt, wurde er wieder gesund und ließ sich, zusammen mit seinem Bruder, taufen.

Durch Philipp hatte auch ein sehr reicher Jude zum christlichen Glauben gefunden, der in St. Peter getauft worden war. Papst Gregor XIII. machte Philipp darauf aufmerksam, dass dieser durch den so häufigen liebevollen Umgang mit seinem Vater, der noch Jude war, Schaden nehmen könnte. Philipp antwortete ihm, er hoffe und vertraue darauf, dass der Vater durch die Gesellschaft des Sohnes ebenfalls ein Christ werde. Diese Hoffnung erfüllte sich bald, denn nachdem der Vater Philipp kennen gelernt hatte, ließ er sich, durch die Kraft seiner Worte überzeugt, ebenfalls taufen.

Viele Jahre später, als Philipp sich schon von St. Hieronymus nach Vallicella begeben hatte, ließ der oben genannte Jude seine vier Neffen, die keinen Vater mehr hatten, in der christlichen Religion unterrichten. Damit sie leichter den christlichen Glauben annehmen könnten, empfahl er ihnen Philipp als ihren geistlichen Vater. Dieser nahm sie liebevoll auf, sprach aber zu ihnen nicht über den Glauben. Nach längerer Zeit bat Philipp sie, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu bitten, sie mit dem Licht der Wahrheit zu erleuchten, und versprach, Gott am nächsten Tag beim Hl. Messopfer in diesem Anliegen zu bestürmen. Die Jünglinge, die sich bisher gegenüber allen Ermahnungen und Beweisen der Patres verschlossen hatten, hörten in der Zeit, als Philipp die Hl. Messe las, zum ersten Mal den Patres wirklich zu. Einer von den Jungen bekam ein starkes Fieber, das innerhalb von sechs Tagen so sehr anstieg, dass die Patres befürchteten, er würde sterben. Sie überlegten, ob man ihn nicht taufen solle. Als aber Philipp am Abend kam, berührte er den Kranken an der Stirn und indem er eine Hand an seine Brust hielt, betete er lange für ihn. Dann sprach er zu ihm: „Ich will nicht, dass du an dieser Krankheit stirbst, sonst würden deine Leute womöglich sagen, die Christen hätten dich getötet. Man soll mich morgen daran erinnern, dass ich in der Hl. Messe Gott um deine Gesundheit anflehe.“ Einer der Umstehenden, die diese Worte gehört hatten, Petrus Consolino, redete dem Jungen gut zu: „Mein Sohn, du wirst von dieser Krankheit aufstehen, denn dieser fromme alte Pater hat schon vielen durch sein Gebet die Gesundheit wieder erlangt.“ In der Nacht wurde der Kranke sehr schwach, so dass der behandelnde Arzt den Tod befürchtete und verlangte, den Onkel zu benachrichtigen. Als die Stunde nahte, in der Philipp die Hl. Messe lesen wollte, fragte Consolino den Kranken, ob man Philipp an das Gebet erinnern solle, und dieser sagte: Ja! Kaum hatte Philipp das Hl. Messopfer vollendet, stand der Junge auf und setzte sich auf das Bett. Als der Onkel kam, fand er seinen Neffen ganz frei von Fieber. Der Doktor, der am Nachmittag kam, schrie vor Verwunderung auf, bekreuzigte sich und sagte: „Ihr habt «Doktores» im Haus und bemüht Fremde!“ Am Fest der heiligen Apostel Simon und Judas wurden die vier Jünglinge zur Freude Philipps von Papst Clemens VIII. in San Giovanni in Laterano getauft. Nach ihrer Taufe bemühten sie sich darum, auch ihre Mutter zum christlichen Glauben zu führen und konnten sie im Haus der Gräfin Julia Orsini unterbringen. Als sie Philipp um seine Meinung befragten, sagte er ihnen voraus, dass es noch Zeit brauche, bis sie den Glauben annehmen könne, und es jetzt noch nicht sinnvoll sei, sie zu drängen. Später wäre es für die Mutter und für sie selbst von größerem Nutzen. Nach etwa sechs Jahren erhielt sie mit weiteren Verwandten die Taufe.

13. Philipp beauftragt Baronius, die Kirchengeschichte
zu schreiben

Der große Eifer Philipps, den Glauben zu verbreiten und zu vertiefen, beschränkte sich nicht auf die Stadt Rom. Als er von der sich ausbreitenden Ketzerei in den nördlichen Ländern erfuhr, erbarmte er sich der Seelen und beschloss, etwas zu unternehmen. Auf Eingebung des Heiligen Geistes ordnete Philipp an, dass jeder im Oratorium nach seiner Predigt einen Abschnitt aus der Kirchengeschichte, von ihren Anfängen an, vortragen sollte. Dadurch sollten die Ungebildeten vor Irrtümern geschützt werden, und die besser Unterrichteten hätten keine Ausreden mehr. Für dieses Amt bestimmte Philipp Caesare Baronius, Doktor beider Rechte, berühmt durch sein Wissen in der Kirchengeschichte und sehr fromm: Er war so freigiebig gegenüber den Armen, dass er alle Kleider und allen Hausrat samt einem silbernen Reliquienkästchen, das sehr wertvoll und ihm lieb war, verschenkte, um zu helfen. Diesen Mann nun beauftragte Philipp, nachdem er die Kirchen-geschichte im Oratorium öfter wiederholt hatte und sie wohl geordnet war, dass er sie in Druck geben sollte. Baronius nahm es im Gehorsam an, und nach vielen Mühen und langem Wachen kam das Werk heraus.

Diese Arbeit, so betonte Baronius in der Vorrede zum 8. Band, sei nicht ihm sondern Philipp zuzuschreiben. Kurz vor seinem Tod hatte Philipp ihn ermahnt: „Caesar wisse, dass du dich demütigen und anerkennen sollst, dass deine Schriften nicht durch deine eigene Weisheit verfasst wurden, sondern ganz eine Gabe Gottes sind.“ Als Baronius bereits begonnen hatte, die Kirchengeschichte aufzuschreiben, war es noch seine Angewohnheit, bei den Predigten im Oratorium den Zuhörern mit lauter Stimme die Hölle für ihre Sünden anzudrohen und sie damit zu ängstigen. Philipp sagte ihm, er müsse diese Art zu predigen ändern, dann würde es ihm und den anderen mehr nützen. Er ermahnte ihn, die Schrecken des Todes und der Hölle zu lassen und mit der Erzählung der Kirchengeschichte zu beginnen. Baronius konnte das nicht einsehen und nahm diese Ermahnungen nicht an, bis Philipp ihm ernstlich befahl, jetzt zu gehorchen. Dadurch geriet Baronius in große Gewissensnot, aber Gott in seiner Güte half ihm durch ein Traumerlebnis: Er träumte, dass er Onófrius Panvinus traf, der ebenfalls begonnen hatte, eine Kirchengeschichte zu schreiben. Ihm erzählte er, was Philipp ihm befohlen hatte, und dass er deswegen Ängste ausstehe. Er bat ihn, das Werk weiter zu schreiben und legte ihm seine Gründe und Bitten vor. Plötzlich hörte er Philipps Stimme, die sagte: „Hör auf, Caesar, hör auf und widersetze dich nicht länger, denn du und nicht Panvinus musst die Kirchengeschichte schreiben!“ Baronius wachte auf, und da er den Willen Gottes vernommen hatte, widersetzte er sich nicht länger.

So wie Philipp es ihm befohlen hatte, trug er in den Predigten die Kirchen-geschichte vor, von Christi Geburt bis in die Gegenwart. Er hat das Ganze innerhalb von dreißig Jahren, bis der 1. Band im Druck erschien, insgesamt sieben Mal vorgetragen, wie er selbst bezeugte. Das ganze Werk war in 12 Bänden aufgeteilt. Durch diese Arbeit hat er sich so verdient gemacht, dass Papst Clemens VIII. ihn im Jahr 1596 zum Kardinal erhob. Aus Demut hatte er schon vorher drei reiche Bistümer ausgeschlagen und nahm auch die Kardinalswürde nur widerstrebend an. Als er im 69. Lebensjahr, im Jahre 1607, den Tod nahen fühlte – er wohnte damals in Tusculum – sagte er: „Wir wollen nach Rom gehen, es ziemt sich nicht für einen Kardinal, auf dem Lande zu sterben.“ In Gegenwart der Patres der Kongregation ist er friedlich verstorben und unter großer Anteilnahme des Volkes in der Nerianer-Kirche beigesetzt worden. Aus den gleichen Gründen, aus denen Philipp Baronius die Kirchengeschichte aufschreiben ließ, veranlasste er ihn, das Römische Martyrologium zu ergänzen, und zwei Priester aus der Kongregation, Thomas Bozzius und Antonius Gallonius schrieben – der eine über die Wunder in der Kirche Gottes, der andere über das Leben der Heiligen.

14. Der Beginn des Oratoriums

Philipp hatte also beschlossen, sich in Rom ganz dem Heil der Seelen zu widmen. Die Zahl seiner geistlichen Kinder hatte so sehr zugenommen, dass der Raum, in dem sie zusammen kamen, zu klein wurde. Im Jahr 1558 bekam er von den Oberen der Erzbruderschaft St. Hieronymus einen Raum oberhalb des Kirchengewölbes, auf der Evangelienseite. Hier gründete er das Oratorium, das heute noch besteht. Täglich kommen hier die Priester zum Gebet zusammen, und um an den Sonn- und Feiertagen zu predigen. An diesem Ort führte Philipp jeden Nachmittag mit den Seinen geistliche Gespräche. Anschließend ging er mit ihnen an den Werktagen an schöne Orte der Stadt oder der Vorstadt, an den Festtagen in verschiedene Kirchen. Daher kommt in unserem Institut der Brauch, sich täglich mit dem Wort Gottes zu beschäftigen und die Art und Weise, dem Volk zu predigen.

Am besten hat uns Baronius diesen Anfang des Oratoriums beschrieben, der ihn selbst miterlebt hat. Im ersten Band seiner Chronik nimmt er Bezug auf die Briefe des hl. Paulus an die Korinther, in denen dieser von den Treffen mit verschiedenen Gemeinden berichtet. Baronius schreibt: „Es ist wahrhaftig aus göttlichem Ratschluss geschehen, dass auch in unserer Zeit, vor dreißig Jahren, eine solche „Apostolische Gesellschaft“ in der Stadt Rom entstehen konnte, begründet durch Philipp Neri, mit Unterstützung seines geistlichen Sohnes Franciscus Maria Taurusius. Unsere Gemeinschaft, die nun offiziell „Congregatio Oratorii“ (Kongregation des Oratoriums) genannt wird, hatte bei ihren Treffen einen festen Rahmen: Nach einem Gebet und einer kurzen Stille begann ein Bruder einen Text zu lesen, den ein Pater kommentierte, woraus sich ein Gespräch entwickelte. Danach las ein anderer Bruder von erhöhtem Platz aus ausgewählte Texte aus dem Leben der Heiligen, sowie aus der Hl. Schrift und den Schriften der Väter. Ein weiterer Bruder fuhr fort zu lesen, aber aus einer anderen Sichtweise. Ein dritter Bruder las einen fortlaufenden Text aus der Kirchengeschichte. Jeder hatte eine halbe Stunde Zeit zum Reden. Danach wurde gesungen und die Zusammenkunft endete mit einem Gebet. Diese Art von „Gebetstreffen,“ wurde zu einem Beispiel, wie man das Gleiche auch an anderen Orten beginnen kann.“ Baronius bezeichnet dies als Ursprung des Oratoriums.

Zu diesen täglichen Übungen fügte Philipp an den Festtagen noch andere hinzu. Er ermahnte seine geistlichen Söhne, dass diejenigen, die gebeichtet hatten und zur Kommunion gehen wollten, sich vor der Hl. Messe noch dem Gebet hingeben sollten. Nach der Hl. Messe schickte er sie in unterschiedliche Krankenhäuser und Spitäler, um den Kranken mit Wort und Werk beizustehen. Von ihnen gingen etwa 30 bis 40 Personen zusätzlich täglich zu den Kranken, um die Werke der Nächstenliebe zu üben. Darüber hinaus gingen etliche von ihnen an den Samstagen und den Vorabenden höherer Festtage zu Philipp, der sie in der Nacht abwechselnd nach „St. Maria sopra Minerva“ oder nach „St. Bonaventura“ auf dem Quirinal führte. Sie wohnten im Chor dem Stundengebet bei und verbrachten die Nacht im Gebet und in der Betrachtung, um am Morgen den Leib Christi würdiger und mit noch größerer Freude empfangen zu können. Philipp pflegte schon seit vielen Jahren die Nächte in verschiedenen Kirchen zuzubringen, ja, die Dominikaner hatten ihm sogar den Schlüssel für ihr Kloster anvertraut, damit er jeder Zeit in ihre Kirche gehen konnte.

Aber Philipp war das alles noch nicht genug. Um seinen Beichtkindern, vor allem den jungen Männern, die Gelegenheit zu sündigen zu nehmen – während der Fastnacht und nach dem Osterfest – besuchte er mit ihnen die sieben Hauptkirchen der Stadt Rom. (Auch jetzt noch ist das eine Gewohnheit unserer Brüder in Rom während der Fastnacht). Am Anfang gingen zwar nur wenige, etwa 25 –30 Personen mit, aber noch zu Lebzeiten Philipps wuchs die Zahl bis auf 2000 Menschen an. Jeder, welchen Standes auch immer, konnte mitgehen – außer den Frauen. Viele Ordensleute, Kapuziner und vor allem Dominikaner, die alle ihre Novizen schickten, waren dabei.

Der Besuch der sieben Kirchen fand auf folgende Weise statt: Am festgelegten Tag versammelten sich in der Früh alle in St. Peter und gingen nach St. Paul vor den Mauern, um von dort aus zu den übrigen Kirchen zu ziehen. Sie waren in Gruppen eingeteilt; jede wurde von einem Priester begleitet. Ein Teil der Zeit war der Betrachtung einer vorgeschriebenen Textes und eines Spruches gewidmet. In der übrigen Zeit wurden, begleitet von den mitgehenden Musikanten, Psalmen, geistliche Lieder und Litaneien gesungen. Wenn gegen Abend noch Zeit blieb, wurden geistliche Gespräche geführt. Außer in St. Peter und in St. Paul wurden in den Kirchen kurze Predigten gehalten. In St. Sebastian oder in St. Stephan wurde eine Hl. Messe gelesen, bei der fast alle die Kommunion empfingen. Von dort aus zogen sie entweder zum Weinberg der Massimi oder Crescenzi oder zum Garten der Mattei. Wenn alle saßen, bekamen sie Brot, Wein und Wasser, soviel sie benötigten, ein Ei und etwas Obst. Während des Essens spielten die Musikanten geistliche Lieder. Danach ging man zu den übrigen Kirchen, und wenn diese „geistliche“ Reise zu Ende war, ging jeder, erfüllt von großer Freude, wieder nach Hause.

Philipp ging bei diesen Kirchenbesuchen immer voraus. Er strengte sich dabei so sehr an, dass er oft durch die Erschöpfung Fieber bekam. Doch in den letzten Lebensjahren blieb er wegen seines Alters, aber auch, weil alles schon seine Ordnung hatte, zu Hause und verrichtete andere Werke der Frömmigkeit. Wie lieb Gott dieses Werk war, wollen wir an einem Beispiel zeigen: Eines Tages, während der Fastnacht, war Philipp mit den Seinen auf dem Weg von St. Paul nach St. Sebastian, als unversehens ein Unwetter losbrach, so dass alle flüchten wollten. Philipp aber rief: „Bleibt stehen und habt Vertrauen, ich verspreche, dass keinem, der mit mir weitergeht, irgendetwas geschehen wird!“ Die einen haben vertraut, andere nicht – die bei Philipp geblieben waren, hat kein Tropfen berührt, diejenigen jedoch, die geflohen waren, gerieten in einen fürchterlichen Platzregen.
Die oben genannten Übungen, die Philipp eingeführt hatte, wurden von berühmten und gelehrten Männern in Wort und Schrift hoch gelobt. Besonders Johannes de Rossi hat im Jahre 1568 dies in seinem Buch ausführlich beschrieben.

15. Philipp übernimmt die Verwaltung
der Florentinischen Kirche

Als die aus Florenz stammenden Adligen erkannten, welch reiche Früchte die geschilderten Übungen des Oratorium brachten und sahen, wie Philipp die Seinen auf den Weg zur Heiligkeit führte, bemühten sie sich mit allen Kräften, ihn dazu zu bewegen, die Verantwortung für ihre Kirche St. Johann zu übernehmen. Deshalb schickten sie im Jahr 1564 Abgesandte, die ihn baten, diese Bürde auf sich zu nehmen. Sie boten ihm eine Wohnung an und alles, was sonst noch notwendig wäre. Philipp antwortete, er müsse erst darüber nachdenken und beten, ob es der Wille Gottes sei. Nach einigen Tagen kamen die Florentiner wieder, und Philipps entschiedene Antwort lautete: Er könne auf keinen Fall das Haus St. Hieronymus verlassen, in dem er schon so lange wohnte. Nach diesem abschlägigen Bescheid gingen sie zu Papst Pius IV. und baten um seine Vermittlung; dieser entsprach ihrem Wunsch. Als sie wieder zu Philipp kamen nahm dieser, in demütigem Gehorsam gegenüber dem Papst, das Amt an unter der Bedingung, selbst in St. Hieronymus bleiben zu können, was ihm gerne gewährt wurde.

Drei seiner geistlichen Söhne ließ Philipp zu Priestern weihen: Caesar Baronius, Johannes Franziskus Bordino, der von Papst Clemens VIII. später zum Erzbischof von Avignon ernannt wurde, und Alexander Fedeli à Ripa Transona. Diese Drei und noch einige andere schickte Philipp nach St. Johann und übergab ihnen die Sorge für die Pfarrei. Dazu gesellte sich der Neffe von Alexander mit Namen Germanicus Fedeli, der erst 16 Jahre alt war. Nach kurzer Zeit kamen noch Franziskus Maria Taurusius und Angelus Velli aus Palestrina dazu, ein sehr heiliger Mann; er folge Philipp in der Leitung der Kongregation nach. Diese Männer begannen mit großem Eifer ihre Arbeit im Weinberg des Herrn. Jeden Tag gingen sie in aller Frühe nach St. Hieronymus, um zu beichten. Und bei jedem Wetter begaben sie sich sowohl am Nachmittag wie am Abend wieder nach St. Hieronymus, um dort alle geistlichen Übungen mitzumachen. In ihrem Haus verrichteten sie viele Jahre lang abwechselnd, mit viel Freude, den Dienst in der Küche: Baronius wurde oft, mit einer Schürze versehen, von den Besuchern beim Spülen der Töpfe angetroffen. Er hinterließ am Kaminabzug folgenden Satz: „Caesar Baronius, coquus perpetuus“ (der ewige Koch). Bei Tisch wurde am Mittag oder Abend aus der Hl. Schrift oder aus Schriften eines anderen geistlichen Autors gelesen und danach ringsum Fragen gestellt, entweder zur Moral oder zur Theologie. An den Samstagen kehrten sie selbst die Kirche aus. An den Festtagen hörten die Priester Beichte und teilten die Kommunion aus. Auf die dringenden Bitten der Florentiner gestattete Philipp, dass Baronius und Bordinus abwechselnd nach dem Amt noch eine Predigt hielten. Die Vesper wurde zur gewohnten Stunde gesungen, und anschließend gingen sie an den Ort im Freien, den Philipp ihnen genannt hatte. Dort entwickelte sich aus einer von Philipp oder von jemand anderem vorgebrachten Frage oder einem Argument ein geistliches Gespräch. Daher kommt der Brauch, am Oster-Montag auf den Hügel Janiculus zu gehen, in die Nähe des Klosters St. Onophrius: Ein luftiger, schön gelegener Ort mit einem herrlichen Blick auf die unten liegende Stadt. Bei großer Hitze suchten sie für ihre Übungen eine Kirche innerhalb der Mauern Roms auf. Nach einer einleitenden Musik trug ein Junge auswendig ein Gebet und einen kurzen Text vor. Nach einem weiteren Musikstück hielten zwei Priester aus dem Oratorium kurze Predigten für das Volk. Zur Winterzeit, vom 1. November bis Ostern, trafen sie sich zur Abendzeit im kleinen Oratorium. Nach einem stillen Gebet und gesungenen Litaneien und einem Lobpreis zu Ehren der Muttergottes trug ein Junge ein Gebet vor. Anschließend folgte ein Vortrag von einer halben Stunde, den einer vom Oratorium hielt. Immer aber wurde mit Musik begonnen und geendet.

Die Gewohnheit, drei Mal am Tag von St. Johann nach St. Hieronymus zu gehen, behielten die ersten Patres zehn Jahre lang bei. Im Jahr 1574 baten die Florentiner Philipp, nachdem sie von den vielen Schwierigkeiten erfahren hatten, denen die Priester ausgesetzt waren, dass er die geistlichen Übungen von St. Hieronymus nach St. Johann verlegen möge. Philipp stimmte dem zu. Vom 15. April desselben Jahres an hielten die Patres in den dafür umgestalteten Räumen des Oratoriums von St. Johann auf gewohnte Weise ihre Predigten und Übungen.

16. Philipp wird auf verschiedene Weise
in der Geduld geübt

Übungen, die eigentlich bei den Menschen gute Früchte hervorbringen sollten, wie z.B. Liebe und Bereitschaft zum Guten, weckten bei anderen Hass und Böswilligkeit. Schon von Anfang an, als die Gespräche nach dem Mittagessen noch auf Philipps Zimmer stattfanden, und Philipp selbst dann zum Beichthören ging, fingen einige an, aus Neid heimlich zu murren und dagegen zu reden. Der Haupträdelsführer war Vincentius Teccosi á Fabriano, Arzt und einer der Vorsteher von St. Hieronymus. Dazu kamen noch weitere, unter ihnen zwei davongelaufene Mönche, die sich im geistlichen Gewand eingeschlichen hatten. Aufgehetzt von Vincentius unterließen diese Männer nichts, um Philipp hinauszutreiben. Sie hatten die Ämter als Mesner und Kirchendiener inne. Sobald sie ihn zur Sakristei kommen sahen, schlugen sie ihm die Türe vor der Nase zu. Sie gaben ihm keine Messgewänder oder gaben ihm unter Schimpfworten alte und zerrissene. Sie rissen ihm das Messbuch und den Kelch aus den Händen oder versteckten sie heimlich. Sie ließen ihn die angelegte Messkleidung wieder ausziehen, den Altar wechseln und schikanierten ihn auf jede erdenkliche Weise, um ihn dazu zu bringen, dass er, der Dinge müde, freiwillig das Haus St. Hieronymus verließe.

Philipp verhielt sich trotz all dieser Vorfälle ihnen gegenüber freundlich und betete für sie. Er wurde von den Seinen wiederholt gebeten, diesen Ort zu verlassen, doch seine Antwort lautete: „Nein, das werde ich nicht tun! Man soll nicht meinen, ich würde vor dem Kreuz fliehen, das der Herr mir an diesem Ort auferlegt hat.“ Aber je sanfter und milder er versuchte, ihre Hartnäckigkeit zu durchbrechen, desto boshafter wurden sie. Als er merkte, dass er nichts ausrichten konnte, suchte er Zuflucht beim Herrn. Während er wie gewohnt die Hl. Messe las, schaute er auf das Kreuz und betete zum Herrn: „Warum, mein gütiger Jesus, warum erhörst Du mich nicht? Ich habe Dich so lange, so inniglich und so eifrig um die Tugend der Geduld gebeten, warum willst Du mein Gebet nicht erhören?“ Da hörte er im Innern eine Stimme: „Du hast von mir die Tugend der Geduld erbeten. Du sollst wissen, dass du sie erlangen wirst, aber durch Schmach und Widerwärtigkeiten.“ Durch diesen göttlichen Zuspruch gestärkt, verhielt er sich noch liebevoller und geduldiger gegenüber diesen Männern, so dass sie fast müde wurden, ihm weiterhin Böses zuzufügen. Wenn sie ihn durch Worte beleidigen wollten, lachte er darüber oder bemühte sich, den, der ihn beleidigt hatte, zu entschuldigen.

Zwei Jahre waren vergangen, als einer der oben genannten entlaufenen Mönche Philipp mit solchem Hass und solcher Grausamkeit angriff, dass der andere Mönch, der dabei war, Philipp zu Hilfe kam. Er packte den Übeltäter und würgte ihn so sehr, dass dieser, ohne Philipps Eingreifen, erstickt wäre. Dabei hielt er ihm vor, wie gottlos er sich eben Philipp gegenüber verhalten habe. Er selbst erinnerte sich jetzt seiner Ordensgelübde und erzählte Philipp seine Geschichte von Anfang an. Von Philipp ermahnt, unterwarf er sich wieder der klösterlichen Zucht und Ordnung. Auch Vincentius Teccosi hat sich unter Philipps Einfluss bekehrt und bat ihn, im Beisein vieler, um Verzeihung. Ja, er schätzte ihn so sehr, dass er ihn zum Beichtvater erwählte und beinahe jeden Tag aufsuchte.

Damit aber waren die durch Neid verursachten Angriffe gegen Philipp noch nicht zu Ende. Man warf ihm, im Zusammenhang mit dem Besuch der sieben Kirchen, Hoffart und Stolz vor: Es stünde jemandem, der so bescheiden lebe und angeblich alle Pracht der Welt verachte, nicht zu, die Augen der ganzen Stadt auf sich zu ziehen, wenn er mit einer so großen Volksmenge durch die Straßen pilgerte. Andere schauten missgünstig auf das viele Geld, das für das Essen ausgegeben wurde, bedachten dabei aber nicht die vielen Menschen, die mitgezogen waren, und sprachen von Völlerei. Die etwas Intelligenteren befürchteten, unter dem Vorwand der Störung der öffentlichen Ordnung und des Friedens, eine Gefahr des Aufruhrs durch eine so große Volksansammlung. Philipp wurde das alles gemeldet, er aber ertrug es, ohne sich beunruhigen zu lassen. Die Anklagen dieser Leute gegen Philipp wurden immer lauter, so dass sie auch den Kardinalvikar erreichten, der, aufgehetzt durch die Missgünstigen, Philipp zu sich kommen ließ. Er fuhr Philipp scharf an: „Schämst du dich nicht, du als einer, der die Verachtung der Welt gewählt hat, Lob und Ruhm des Volkes zu sammeln? Du gehst, begleitet von einer großen Volksmenge, durch die Stadt und versuchst auf diese Weise, Ehre und Ruhm der Kirche an dich zu ziehen.“ Nachdem er ihn mit ähnlich scharfen Worten zu Recht gewiesen hatte, verbot er ihm: Er dürfe 15 Tage keine Beichte hören, die Übungen des Oratoriums nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis fortsetzen und keine Ansammlung von Menschen mit sich führen. Wenn er nicht gehorche, käme er ins Gefängnis. Ja, er ließ ihn nicht eher gehen, bevor Philipp nicht versprochen hatte, vor Gericht zu erscheinen.

Philipp antwortete mit friedlichem und heiterem Gesicht: Wie er alle Dinge zur Ehre Gottes angefangen und durchgeführt habe, so sei er auch bereit, alles zur Ehre Gottes wieder aufzugeben. Er werde den Ermahnungen der Oberen gehorchen. Der Brauch, die Kirchen aufzusuchen, sei von ihm eingeführt worden, um die Seinen während der Fastnacht vor dem Sündigen zu bewahren. Darauf fuhr der Kardinalvikar ihn an: „Du tust dies nicht zur Ehre Gottes, sondern um Anhänger zu gewinnen!“ Philipp sagte, während er auf das Kreuz schaute, das im Raum hing: „Du weißt, o Herr, ob ich dies tue, um Anhänger zu gewinnen oder um dir zu dienen.“ Und nach diesen Worten ging er weg. Philipp, der vor allem den Gehorsam gegenüber den kirchlichen Oberen hoch achtete, verbot seinen Schülern, zu ihm zu kommen. Philipp übergab sich ganz dem Herrn und bat auch andere, inständig für ihn zu beten.

Eines Tages erschien plötzlich einigen Dienern Gottes ein Priester in einer rauen Kutte, mit einem Strick umgürtet, der weder vorher noch nachher je wieder gesehen wurde. Dieser sagte: „Ich wurde zu euch gesandt: Setzt während einem vierzigstündigen Gebet das Allerheiligste dem Volk zur Anbetung aus. Unter diesem Schutz werden die Verfolgungen ganz und gar verschwinden.“ Anschließend ging der Priester zu Franciscus Maria Taurusius und flüsterte ihm ins Ohr: „Diese Plage wird wirklich bald vergehen, und das angefangene Werk wird anerkannt werden. Die jetzt dagegen streiten, werden sich dafür einsetzen. Und wenn sich einer untersteht, länger Widerstand zu leisten, wird Gott ihn strafen. Der Kardinalvikar aber, der so gegen euch ist, wird innerhalb von 15 Tagen sterben.“ Während der missgünstige Statthalter die Angelegenheit dem Papst vortrug, starb er eines plötzlichen Todes. Als Philipp von seinem Tod erfuhr, hatte er Erbarmen mit seiner Seele und erlaubte niemandem, ein abschätziges Wort über diesen Menschen zu äußern. Philipp musste bei der Obrigkeit Abbitte leisten, hatte aber nichts anderes als seine Unschuld vorzuweisen. Er betete noch inständiger. Zu den Seinen sagte er oft: „Nicht euretwegen, sondern meinetwegen ist diese Verfolgung entstanden, denn ich soll auf diese Weise in den Tugenden der Demut und des Gehorsams unterwiesen werden. Wenn ich darin die von Gott erwünschte Frucht hervorgebracht haben werde, werden die Verfolgungen bestimmt zu Ende sein.“

Als Papst Paul IV. die ganze Geschichte gehört und Philipps Unschuld erkannt hatte, ließ er ihm, zum Zeichen seines Wohlwollens, zwei vergoldete Kerzen bringen, die am Fest Maria Reinigung in der päpstlichen Kapelle gebrannt hatten. Dabei ließ er ihm verkünden: Er dürfe nicht nur die sieben Kirchen besuchen, sondern habe auch die Erlaubnis, alle Übungen seines Institutes durchzuführen. Der Papst weiter: Es tue ihm leid, dass er nicht persönlich hingehen könne, aber er bitte Philipp, für ihn zu beten. Als Philipps Schüler und geistliche Söhne dies hörten, freuten sie sich sehr und begannen nach wenigen Tagen wieder die sieben Kirchen zu besuchen, Gott lobend und preisend, dass sie wieder alle Übungen des Institutes durchführen durften.

Einige Jahre danach, im Jahr 1570, begann eine noch heftigere Verfolgung gegen das Institut: Unter dem Deckmantel von Sorge um das geistliche Leben und von Gottesfurcht wurde bei Papst Pius V. Anzeige gegen die Prediger in St. Hieronymus erhoben: Sie würden oft leichtsinnig und unachtsam oder über nicht bewiesene Dinge predigen. Das würde entweder von großem Unverstand oder von Unwissenheit zeugen und den Zuhörern großen Schaden zufügen. Darauf berief Pius V. zwei Theologen aus dem Orden der Dominikaner und befahl ihnen, sich nach St. Hieronymus zu begeben. Sie sollten alles, was dort gesagt und getan wurde, gründlich prüfen, ob es dem Glauben und den guten Sitten entspräche. Während die beiden Dominikaner eifrig dem Befehl des Papstes nachkamen, erzählte Pius V. eines Morgens dem Alexander Medici (später Leo XI.), es sei ihm berichtet worden, dass die Patres von St. Hieronymus unverständig und geistlos predigen würden. Sie würden z. B. über die hl. Apollonia sagen, sie habe sich freiwillig ins Feuer geworfen und dabei nicht erwähnt, dass der Heilige Geist sie dazu getrieben hatte. Alexander ging nach diesem Gespräch in die Kirche St. Maria sopra Minerva, um die Predigten zu hören. Dort kam ihm Germanicus Fedeli entgegen, um ihn im Namen Philipps zu bitten, zu ihm zu kommen, der selber krank im Bett läge – er hätte etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Bevor er am Nachmittag zu Philipp ging, hörte er den Predigern zu, unter denen auch Franciscus Maria Taurusius war: Dieser sprach über das Leben der hl. Apollonia, und durch seine geistvolle Predigt wurden alle Vorwürfe, von denen der Papst gesprochen hatte, widerlegt. Anschließend besuchte er Philipp, der ihn sogleich fragte, über welche Angelegenheiten des Oratoriums er mit dem Papst gesprochen habe. Alexander erschrak und konnte sich nicht erklären, auf welche Weise Philipp davon erfahren haben konnte, und er unterrichtete ihn ausführlich über alles.

Die beiden vom Papst in das Oratorium geschickten Dominikaner hatten aufmerksam zugehört und alles beobachtet. Sie berichteten dem Papst nur Gutes. Dieser war hoch erfreut, dass es zu seiner Zeit in Rom so fromme Priester gab, die täglich das Wort Gottes zum Nutzen so Vieler verkündeten. Von da an standen Philipp und seine geistlichen Söhne beim Papst in hohem Ansehen. Papst Pius V. gab Alexander, dem Kardinal, der als Legat zu den Königen von Spanien, Frankreich und Portugal reisen sollte, Taurusius als Begleiter an die Seite. Die Dominikaner waren vom Oratorium so eingenommen, dass sie jahrelang fast täglich zu den Predigten und geistlichen Gesprächen kamen – zeitweilig auch selber predigten. Außer den Dominikanern kamen auch noch Mitglieder anderer Ordensgemeinschaften.

17. Die Kongregation des Oratoriums wird gegründet

Philipp, der sehr demütig war, hatte niemals an die Gründung einer Kongregation gedacht. Doch nachdem er von den Seinen immer wieder so inständig darum gebeten wurde, ging er endlich auf ihren Wunsch ein. Um das Werk bestätigen lassen zu können, hielten sie es für gut, einen eigenen Sitz und eigene Wohnungen zu haben, um frei und nach ihren Gesetzen und Bräuchen das Institut führen zu können. Während Philipp noch darüber nachdachte, wurden zwei besonders geeignete Kirchen vorgeschlagen: St. Maria in Monticelli und St. Maria in Valli-cella. Aber weil Philipp im Zweifel war, welche er nehmen sollte, und er in einer solch wichtigen Sache dem Willen Gottes ganz entsprechen wollte, beschloss er, die Sache Papst Gregor XII. vorzulegen. Dieser riet ihm zur Kirche St. Maria in Vallicella, die günstiger gelegen und für ihre Übungen geeigneter sei. Da Philipp nun den Willen Gottes erkannt hatte, beauftragte er Taurusius, alles in die Wege zu leiten. Dieser bekam vom Papst ohne Schwierigkeiten nicht nur die Kirche sondern auch alles, was die Patres wünschten und benötigten. Mit päpstlicher Vollmacht ausgestattet, konnte Philipp am 15. Juni 1575 in Vallicella eine Kongregation von Weltpriestern gründen, die er Oratorium nannte. Es wurde ihm erlaubt, gewisse Regeln und Konstitutionen zu erarbeiten, unter der Bedingung, sie nach einer bestimmten Zeit vom Apostolischen Stuhl bestätigen zu lassen. Zur Verwaltung dieser Kirche bestellte Philipp Germanicus Fedeli und Johannes Antonius Lucci. Da sie merkten, dass die Kirche zu klein war und eine Vorhalle fehlte, dachten sie daran, sie umzubauen und zu erweitern. Sie hätten sie am Liebsten von Grund auf neu gebaut, aber dazu fehlte das Geld.

Eines Morgens, vom Geist geführt, befahl Philipp, die Kirche abzubrechen und völlig neu zu bauen, so wie wir sie heute noch sehen. Als die Kirche abgerissen war und der Baumeister Matteo von Castello gerade beginnen wollte, den Grundriss auszumessen, kam von Philipp ein Bote: Er möge mit dem Ausmessen auf ihn warten, bis er die Hl. Messe gelesen habe. Als Philipp nach der Hl. Messe ankam und sie begannen, die Länge der Kirche auszumessen, bat er drei Mal den Baumeister, den Grundriss zu verlängern, bis er zu der Stelle kam, die ihm vom Himmel her gezeigt worden war. Da sagte er: „Hier steh still, hier grabt die Erde auf!“ Als sie nun zu graben begannen, fanden sie unter den Resten eines eingefallenen Gebäudes eine feste und sehr alte Mauer auf der Evangelienseite, zehn Spannen breit, die weit über die Länge der Kirche reichte; außerdem eine Menge Steine und Ziegel, mit denen sie den Grund legen und die rechte Mauer hochziehen konnten. Am 17. September 1575 wurde durch den Erzbischof von Florenz, Kardinal Alexander Medici, (später Leo XI.) feierlich der Grundstein gelegt. Als der Bau voranschritt, hörten die Anfeindungen und Angriffe nicht auf: Die Patres des Oratoriums wurden verleumdet, und die Handwerker sowie Johannes Antonius Lucci und der Baumeister wurden mit Schleudern angegriffen und mit Steinen beworfen. Alle, die dem Bau heftig Widerstand geleistet hatten, starben innerhalb von zwei Jahren. Nachdem im Jahr 1577 die Kirche gebaut war, hielt Alexander Medici am 3. Februar, Sonntag Septuagesima, ein festliches gesungenes Hochamt. Der Papst verlieh allen, die am selben Tag die Kirche besuchten, einen vollkommenen Ablass. Im Monat April desselben Jahres verließen die Patres das Oratorium der Florentiner und begannen alle Gottesdienste, Predigten und Bräuche in Vallicella zu halten. Philipp aber blieb in St. Hieronymus.

Da ihre Wohnung für die schnell wachsende Gemeinschaft nicht groß genug war, beschlossen die Patres, das Kloster, das ganz nahe bei der Kirche lag und das die Schwestern auf Befehl ihrer Oberin verlassen hatten, zu kaufen. Philipp, der in die Zukunft sah, war nicht einverstanden damit. Doch einige der Seinen begannen die Sache in Angriff zu nehmen, indem sie sich nur auf den Rat menschlicher Weisheit verließen. Aber nichts ging vorwärts. Philipp sagte ihnen: „Habe ich euch nicht oft gesagt, dass dieses Kloster nicht gekauft werden soll? Das Kloster werdet ihr bekommen, aber auf andere Weise als ihr denkt.“ Seine Voraussage traf wirklich zu: Nach fünf Monaten kaufte Kardinal Cesi, der sehr freigiebig war, dieses Kloster und noch daneben liegende Gebäude und schenkte sie den Patres als Wohnung.

Welch großes Vertrauen Philipp in Gottes Vorsehung hatte, besagt schon allein, dass er ein so großes Werk begann, ohne Geld zu haben, und es innerhalb von zwei Jahren beendete. Wenn kein Geld mehr da war, sagte er: „Gott, der Allmächtige, wird schon helfen.“ Und zu einer der vornehmsten Frauen in Rom sagte er: „Du sollst wissen, hohe Frau, dass zwischen mir und der Jungfrau und Gottesgebärerin Maria eine Abmachung besteht, dass ich nicht sterben werde, bevor das Dach der Kirche fertig ist.“ Daher meinten viele, weil er nichts von ihnen wollte und doch täglich hohe Summen verbrauchte, es wäre ihm Geld vom Himmel gebracht oder vermehrt worden.

Die erste Summe, die am Beginn dieses Werkes nötig war, kam von Carlo Borromeo – 200 Dukaten, denen Gregor XIII. 8000 hinzufügte. Ebensoviel legte Petrus Donatus Kardinal Cesi dazu. 30 000 und noch mehr gab Bischof Angelus Cesi, der leibliche Bruder des Kardinals, zum Bau und Schmuck der Vorderseite der Kirche und fügte noch 4000 für eine Kapelle zu Ehren Maria Opferung hinzu. Weitere 4000 schenkte Kardinal Federigo Borromeo. Das übrige Geld, weit über 100 000 Dukaten, schickte Gott aus anderen Quellen. Als Beispiel dafür, dass Philipp niemals um etwas bat, soll folgendes berichtet werden: Ein Bruder aus der Kongregation, der für den Bau zuständig war, sprach Philipp an: „Vater, es ist kein Geld mehr da, und die Mauern reichen noch nicht einmal bis zum Gesims.“ Worauf Philipp antwortete: „Du sollst nicht zweifeln, denn der Allmächtige Gott wird seine Kinder nicht verlassen!“ Der Bruder machte ihn darauf aufmerksam, es sei ein sehr reicher Mann in der Stadt, der die Gewohnheit habe, einen Großteil seines reichen Erbes für geistliche Dinge zu verwenden. Wenn einer ihn aufmerksam machen würde, wie notwendig dieses Gebäude sei, würde er vielleicht eine große Summe schenken. Philipp antwortete: „Dieser Mann weiß sehr wohl, was dem Werk und dem Bau fehlt. Wenn er etwas geben will, wird er es freiwillig tun. Ich habe bis jetzt niemals etwas erbeten, und es hat nie etwas gefehlt.“ Nach etlichen Monaten starb ein Advokat, der der Kongregation 4000 Dukaten hinterließ, und nicht lange danach ein weiterer Advokat, der ihnen 8000 Dukaten vererbte. Auf diese Weise schien Gott zu zeigen, wie wohlbegründet die Maxime Philipps war, nie etwas zu verlangen12.

18. Philipp begibt sich nach Vallicella

Obwohl Philipp der Kongregation vorstand und sie leitete, wollte er doch nicht von St. Hieronymus weggehen, wofür er viele Gründe vorbrachte. Der wahre Grund dafür aber war: Er wollte in seiner Demut nicht bei den Seinen Gründer der Kongregation genannt werden. Außerdem wolle er, wie er sagte, nicht vor dem Kreuz fliehen oder den Ort verlassen, wo der Herr ihm so viele Gelegenheiten gegeben habe, Verdienste zu erwerben; er habe 33 Jahre hier gelebt und wolle da bleiben bis ans Ende. Als die Patres merkten, dass alle Bemühungen, Philipp umzustimmen, vergeblich waren, wandten sie sich an Kardinal Cesi und baten ihn um seine Vermittlung bei Papst Gregor XIII. Der Papst ließ Philipp durch den Kardinal seine Anordnung zukommen, sich nach Vallicella zu begeben. Philipp gehorchte ohne Zögern diesem Befehl. Am 22. November 1583, dem Fest der hl. Cäcilia, begab sich Philipp also, zur großen Freude der Seinen, nach Vallicella. Seine Art zu leben, wie er es von St. Hieronymus gewohnt war, gab er jedoch niemals auf. Um leichter in der Betrachtung des Göttlichen bleiben zu können, wählte er ein kleines Zimmer im höheren und stilleren Teil des Hauses.

Den ganzen Hausrat trug man auf den Schultern oder in den Händen von St. Hieronymus nach Vallicella. Philipp hing bis an sein Lebensende an St. Hieronymus und seiner dortigen Wohnung, sodass er den Schlüssel zu seinem Zimmer behielt, um von Zeit zu Zeit dorthin gehen zu können.

19. Ordnung und Konstitutionen des Oratoriums

In Vallicella wählte die ganze Versammlung der Kongregation Philipp einstimmig zu ihrem Superior und Oberen. Philipp hatte das Amt nicht gerne angenommen, wollte aber mit seiner Amtsführung ein Beispiel geben, wie es nach seinem Tode weiter geführt werden sollte. Er hatte beschlossen, dass jeweils nach drei Jahren der Obere neu gewählt oder bestätigt werden sollte. Er hielt sich als Erster an diese Regel, aber die Seinen waren der Meinung, es würde ihnen keinen Nutzen bringen, einen anderen Oberen als Philipp zu haben. Sie nahmen ihn von der Regel aus und wählten ihn am 19. Juni 1578 zu ihrem ständigen Oberen.

Nachdem Philipp das Amt angenommen hatte, sagte er: Wer sich ganz der Kongregation „ergeben“ wolle, sollte dennoch die Lebensweise der Weltpriester beibehalten und sich niemals durch ein Gelübde oder einen Eid binden. Wenn einer auf höhere Weise leben wolle, fände er in den Klöstern Möglichkeiten genug, diesen Wunsch zu verwirklichen. Für die Kongregation sei es genug, wenn die in ihr Lebenden einander in der Liebe Christi dienen, für ihr eigenes Heil und das der Nächsten Sorge tragen und sich nach Kräften auf das Gebet, die Verkündigung und die Förderung des häufigen Empfangs der Sakramente beschränken würden. Philipp hatte mit einhelliger Zustimmung der Patres und mit der Unterstützung von Gelehrten, darunter Kardinal de la Rovere, einem besonders erfahrenen und weisen Mann, Konstitutionen und Regeln verfasst, die sich mehr als 30 Jahre in der Ausübung bewährten und endlich durch Papst Paul V. durch ein Apostolisches Breve am 14. Februar 1612 approbiert und bestätigt wurden.

Durch Philipp wurde in der Stadt Rom eine ganz neue Art zu predigen wieder entdeckt, nämlich das Evangelium jeden Tag allgemein verständlich und volkstümlich zu verkünden. In Vallicella ließ Philipp, wie in St. Hieronymus und im Florentinischen Oratorium, jeden Tag, außer Samstag, nach vorheriger geistlicher Lesung, vier halbstündige volkstümliche Reden und Predigten halten. Dann erklang Musik, nach der das Volk entlassen wurde.

Philipp war bei diesen vier Predigten viele Jahre lang anwesend, ebenso andere Priester und Schüler des Oratoriums, während er im Oratorium St. Hieronymus noch täglich selbst gepredigt hatte. Er wollte bei diesen Predigten keine zu hohen und schwierigen Themen. Die Prediger sollten etwas aus dem Leben der Heiligen, den Gesprächen und Dialogen des hl. Gregor vortragen, und die Kirchengeschichte fortsetzten. Statt zu ermahnen sollten sie in den Zuhörern die Liebe zur Tugend und den Hass gegen die Sünden wecken. Auch sollten die Prediger immer Beispiele und Geschichten anführen. Wenn Philipp hörte, dass sie spitzfindige oder seltsame Fragen berührten, so ließ er sie sogleich vom Katheder steigen, auch wenn sie mitten im Vortrag waren. Damit sie aber von dieser volkstümlichen Weise zu predigen nicht abwichen, ließ er nicht zu, dass sie sich allzu sehr in das Studium vertieften. Auch bei Baronius, der die Kirchen-Geschichte zu schreiben hatte, ließ er es niemals zu, dass dieser das Studieren anderen Pflichten vorzog. Philipp wollte damit nicht das Studium verwerfen. Er wollte vielmehr erreichen, dass man allem, was das Institut der Kongregation betraf, den Vorrang gab. Er pflegte zu sagen, dass ein Diener Gottes zwar den Studien und den wissenschaftlichen Arbeiten mit Fleiß nachkommen solle, aber nicht, um damit zu glänzen. Die Erkenntnis der Heiligen Schrift werde mehr durch das Gebet als durch das Studium erworben.

Zu den täglichen Predigten kam ein intensives Gebetsleben. Philipp ließ jeden Abend um 17 Uhr das Oratorium öffnen, sodass jedermann Zugang hatte (ausgenommen die Frauen). Nach einer halben Stunde des inneren Gebetes und der Betrachtung folgten Litaneien und andere gesprochene Gebete. Dann verließ man wieder das Oratorium. Am Montag, Mittwoch und Freitag aber empfahl er, sich zum Gedächtnis an das Leiden Christi zu geißeln – aber jeder nach seinem freien Willen. Philipp verlangte, dass alle Priester des Oratoriums täglich die Hl. Messe feierten, aber manchmal verbot er dies Einzelnen aus erzieherischen Gründen: Er ermahnte sie, um die Anwesenden nicht zu verdrießen, mehr auf die Kürze zu achten; sie sollten aber immer für eine so „hohe Sache“ eine angemessene Zeit verwenden. Würde einer von ihnen merken, dass der Geist Gottes ihn während der Hl. Messe stärker erfassen wolle, so mahnte Philipp, solle er sagen: „Nicht hier, o Herr, nicht hier – ich will mit Dir in meiner Zelle sein.“ Von den Laienbrüdern aber wünschte er, dass sie drei Mal in der Woche beichteten und nach dem Rat des Beichtvaters kommunizierten. Die Beichtväter endlich ermahnte er, dass sie alle Festtage und mittwochs und freitags öffentlich in der Kirche Beichte hörten. An den übrigen Tagen sollte wenigstens einer von ihnen zum Beichthören anwesend sein.

Im Hauswesen sollte es nach dem Willen Philipps „normal“ zugehen, nichts Ausgefallenes zugelassen sein. Während den Mahlzeiten wurde eine Lesung vorgetragen, die die Hälfte der Zeit in Anspruch nahm; danach wurden in der restlichen Zeit, zwei Fragen aus der Theologie, aus der Heiligen Schrift oder der Geistes-Wissenschaft und Moral vorgetragen. Philipp wollte, dass jeder seine Meinung dazu äußern konnte, bescheiden und mit wenigen Worten. Dies waren die wichtigsten Anordnungen, die Philipp für die Kongregation beschlossen hatte, und die in vielen Städten Italiens und anderen Ländern in den Instituten eingeführt wurden. Vor allem aber war Philipp der Meinung, dass jedes Haus, das nach dem Vorbild des römischen Institutes gegründet wurde, selbstständig und dem örtlichen Bischof unterstellt sein sollte. Man sollte nicht denken, es sei dem römischen Haus untergeordnet oder mit ihm verbunden. Zu diesen Konstitutionen und Anordnungen gibt es zwei Bullen: eine von Papst Paul V. und eine von Papst Gregor XV.

Im Übrigen kümmerte sich Philipp kaum um die Zunahme der Mitglieder seiner Kongregation. Es kamen jeden Tag intelligente junge Männer zu ihm, die er entweder in andere Ordensgemeinschaften schickte oder ihnen riet, in der Welt zu bleiben, so wie es ihm für ihr Seelenheil am besten erschien. Selbst wenn alle die Kongregation verlassen hätten, hätte er sein Vertrauen nicht verloren, er wiederholte oft: „Gott bedarf der Menschen nicht, denn ER kann auch aus Steinen Kinder Abrahams erwecken“ (Mt 3,9). Er nahm es niemals übel, wenn andere versuchten ein Werk zu beginnen, das dem seinen ähnlich war. Als jemand ihm berichtete, dass einige Geistliche in ihren Kirchen den Brauch der täglichen Predigten eingeführt hatten, antwortete er: „Soll man denn dagegen sein? O, wollte Gott, dass alle predigten und Gottes Wort verkündeten.“

Philipp führte die Kongregation immer mit großer Weisheit, und durch sein Verhalten und sein Beispiel wurden die Seinen durch das Band der Liebe zusammengehalten. Er sagte, es sei schwerer als man glaube, freie Menschen auf längere Zeit in Einheit zu bewahren: Aber es sei doch möglich, dies durch verständnisvolle Güte im Tun und Lassen und das rechte Gespür im Umgang und Befehlen zu verwirklichen. Doch wenn es nötig wurde, war er niemals nachlässig oder zu weich im Befehlen oder in seinen Anordnungen. Er leitete die Seinen allein durch einen Wink der Augen, und es genügte ein ernster und strenger Blick, um jemanden zu ermahnen. Ungehorsam hasste er so sehr, dass es ein Grund war, jemanden aus der Kongregation zu entlassen. Er schrieb: „Wenn einer vielleicht meint, er könne wegen schlechtem Essen oder den Aufgaben in den Kirchen oder geistlichen Ämtern nicht weiterkommen – ja, wenn er seine Mitbrüder verwirrt, verlasse er alsbald freiwillig die Kongregation. Wenn einer wiederholt fallen sollte, muss er endgültig weggeschickt werden. Denn das ist gewiss, liebe Patres, ich will nicht, dass solche bei uns behalten werden, die die wenigen Befehle, die in unserem Institut gegeben werden, nicht befolgen.“

Damit aber nun jeder lerne, seinen Eigenwillen abzulegen, wurden sie zu ganz ungewöhnlichen Stunden, die manchen widersinnig erschienen, zu ihren Aufgaben und Verpflichtungen geschickt. Und sobald sich jemand auch nur ein wenig verspätete oder zögerte, wurde es ihm noch öfter befohlen, damit der Eigenwille gebrochen und ihre Demut gestärkt werde. Was für einen Fortschritt im Erwerb der Tugenden Philipp von den Seinen verlangte, zeigt ein Ausschnitt aus einem Brief, den Kardinal Baronius aus Ferrara, wo er sich mit Clemens VIII. aufhielt, an den Präfekten der Schüler und Novizen in Rom sandte: „Ich sollte mich schämen, dass ich dir nicht früher geschrieben habe, wenigstens um mich zu bedanken, dass du für mich zu Gott gebetet hast. Ich bitte dich, dass du mitsamt deinen Schülern, meinen lieben Kindern, die in der Gottesfurcht täglich wachsen mögen, dies weiterhin tust. Fahre fort, lieber Pater, fahre fort, diese jungen Pflanzen nach dem Beispiel und auf die gleiche Weise wie jener große Baum, dessen Schösslinge sie sind, zu erziehen, so wie du erzogen worden bist, in der Gewissheit, als ob unser seliger Vater noch lebe, und habe für die Bösen auch eine Rute in der Hand. Was mich selbst betrifft, wünschte ich von dir, ehrwürdiger Pater, dass du mich unter deine Schüler aufnehmen und meine Fehler unverzüglich rügen wollest, ohne mir irgendeine Rücksicht zu zeigen. O, wollte Gott, ich würde noch einmal auf jene Weise jung sein und das prophetische Wort könnte sich an mir erfüllen: Wie dem Adler wird dir deine Jugend erneuert. (Ps 105,3) (…) Unser Vater war noch im Alter mit solcher Glut erfüllt, dass er selbst meinte, er verbrenne ganz und gar. (…) Wollte Gott, ich wäre würdig, in diesem, meinem kalten Alter Gottes Umarmung zu genießen. Dies erbitte mir durch euer Gebet zu Gott dem Allmächtigen. Das vor allem hat mich bewegt zu schreiben. Also wolle Gott dich trösten und heilig machen! Ferrara, den 14. August 1598, Kardinal Caesar Baronius“.

Im Hauswesen wollte Philipp, dass sorgfältigst darauf geachtet wurde, nicht das Geringste zu verschwenden – die Güter der Kongregation seien ein Erbteil Christi und der Gewinn der Armen. Daher achtete er darauf, dass nur für unbedingt Notwendiges Geld ausgegeben wurde. Und er brachte als Beispiel, was Cassian über einen Koch schreibt, der von den Vätern scharf getadelt wurde für den Verlust von drei Linsenkörnern. Als ein weiteres Beispiel führte er den hl. Antonin, Erzbischof von Florenz, an, der nachts in der Kirche beim Schein des Ewigen Lichtes studierte, um wie er sagte, den Armen nichts zu entziehen. Wenn einer das für zu streng hielt, antwortete er: „Hört auf zu zweifeln, denn alle Güter gehören Gott. Es handle jeder nach seinem Gewissen.“

20. Gehorsam und Ehrerbietung der Seinen

Nachdem nun die Kongregation mit ihren Regeln in dieser Form bestand, wünschte der Vater vor allem vollkommen Gehorsam. Er forderte ihn nicht nur von seiner Gemeinschaft, sondern auch von all seinen Beichtkindern. Es gab nichts, was zu hart oder zu schwer war: Wurde es ihnen befohlen, so befolgten sie es. Kardinal Taurusius versichert: Obwohl niemand unter ihnen durch ein Gelübde oder einen Eid gebunden war – im Bezug auf den Gehorsam ähnelten einige von ihnen ägyptischen Mönchen. Und der Kardinal weiter: So viel er wüsste, sei kaum ein Ordensstifter so eifrig in der Erziehung zum Gehorsam gewesen wie Philipp. Hätte man einigen von ihnen befohlen, sich ins Wasser zu stürzen oder ins Feuer zu werfen – sie hätten es sofort getan. Und er bekräftigte dies durch einige Beispiele: Als sie einmal bei einem Fischteich standen sprach Philipp zu den Seinen über die Tugend des Gehorsams und er fragte: „Wer unter euch ist in dieser Tugend so groß, dass er, wenn man es ihm befiehlt, sich sofort in diesen Teich stürzt?“ Kaum hatte Philipp dies, nur so nebenbei und nicht im Ernst gesagt, als einer der Umstehenden ohne einen Befehl abzuwarten, hineinsprang und ohne Hilfe der Herbeieilenden in Lebensgefahr geraten wäre.(…) Als Philipp ein anderes Mal mit einigen seiner Schüler auf dem Weg zu den Kranken im Spital San Giovanni in Laterano war und beim Colosseum einen Armen liegen sah, krank und ganz mit Kot bespritzt, erbarmte er sich und gab einem der Seinen einen Wink, ihn aus dem Kot heraus zu heben und auf den Schultern ins Krankenhaus zu tragen. Dieser nahm ihn sofort auf und trug ihn zur Verwunderung aller Umstehenden ins Spital.

Baronius hatte einen so schwachen Magen, dass er überhaupt keine Speisen mehr ohne Beschwerden vertrug. Außerdem hatte er solche Probleme mit dem Kopf, dass Philipp ihm das Beten und alles, was ihn sonst noch ermüdete, verboten hatte. Als er eines Tages, wie gewohnt, nach dem Mittagessen zu Philipp ins Zimmer kam, deutete dieser auf eine Limone und ein großes Stück Brot: „Caesar, nimm diese Limone und das Brot und iss beides in meiner Gegenwart.“ Sofort machte Baronius das Kreuzzeichen und aß im Gehorsam beides auf. Nach kurzer Zeit waren Magen und Kopf wieder gesund. Baronius erzählt auch, dass er in den neun Jahren, in denen er auf Befehl Philipps im Spital zum Heiligen Geist Kranke pflegte, des Öfteren mit Fieber hinging, nach vollbrachtem Liebeswerk aber gesund wieder nach Hause kam. Die Seinen machten die Erfahrung, dass alles, was sie im Gehorsam unternahmen, glücklich endete. Fabricio de Massimi, eines der ersten Beichtkinder Philipps, den er sehr gern hatte, hatte zwei Söhne, die todkrank waren. Er befragte die Ärzte, ob er sie nicht wegen der großen Hitze in Rom aufs Land bringen sollte. Diese wehrten ab: Dann würden sie gewiss sterben. Fabricio ging zu Philipp und erzählte ihm alles. Dieser sagte vor den Ärzten: „Geh, und zweifle nicht! Setze sie in eine Sänfte und lass sie reisen – sie werden von der Krankheit geheilt werden!“ Fabricio folgte diesem Rat und brachte die Söhne am nächsten Tag nach Arsoli, etwa 28 Meilen von der Stadt entfernt. Wie Philipp es gesagt hatte, wurden sie bald gesund – einer der beiden vollendete die Reise sogar auf dem Pferd.

Der Bruder von Kardinal Crescenzio, Vincenz, ein vortrefflicher junger Mann, bat Philipp, mit anderen jungen Leuten in eine bestimmte Kirche gehen zu dürfen (denn seine Schüler und Untergebenen taten nichts, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten). Als sie wieder auf dem Heimweg waren, fiel Vincenz vom Wagen und wurde von den Rädern überrollt, sodass alle laut aufschrien: „JESUS!“ Er aber stand unverletzt auf und ging sogleich zu Philipp, um ihm alles zu erzählen. Dieser antwortete: „Schreibe es ganz deinem treu geleisteten Gehorsam zu – hättest du dir nicht die Erlaubnis geholt, wärst du schweren Verletzungen nicht entgangen.“ Ein anderer Römer, jung verheiratet, bezeugte, dass er, wenn er mit Philipps Erlaubnis an Gesellschaften und Vergnügungen teilnahm, es ohne Versuchungen irgend-welcher Art tun konnte. Nahm er aber ungefragt daran teil, wurde er durch wüste Gedanken verwirrt. Marcus Antonius Maffa, von dem wir noch an anderer Stelle berichten werden, fiel das Reden und Predigen vor dem Volk unendlich schwer, und er litt darunter. Aber wenn Philipp, dem er freudig gehorchte, es ihm befahl, redete und predigte er so gut, dass er zu den besten Predigern gerechnet werden konnte.

Dagegen machten viele, die auf Philipps Ermahnungen nicht gehört hatten, unglückselige Erfahrungen: Franciscus Maria Taurusius wünschte sich sehr, in der Nacht zu beten und hatte Philipp oft um Erlaubnis gefragt. Doch Philipp, der dessen schwache Gesundheit bedachte, hatte es ihm untersagt. Taurusius aber nahm den gut gemeinten Rat nicht an. Kaum war er in der Nacht aufgestanden, um zu beten, überfiel ihn eine solche Verwirrtheit im Kopf, dass er 11 Monate lang überhaupt nicht mehr beten konnte. Ein anderes seiner Beichtkinder geißelte sich täglich, ohne dass Philipp davon wusste. Er bekam Gewissensbisse und bat Philipp nachträglich um Erlaubnis dazu. Philipp antwortete: „Nicht nur nicht täglich – du darfst dich überhaupt nicht mehr geißeln!“ Dieser aber bat Philipp noch einmal sehr inständig, es ihm zu erlauben, und Philipp erlaubte ihm, sich einmal in der Woche zu geißeln. Nicht lange danach warf sich dieser Mann Philipp zu Füßen und schrie: „Es reut mich, es reut mich so sehr, Vater! Wenn der Tag kommt, da ich mich schlagen darf, habe ich solch einen Abscheu davor, dass ich es überhaupt nicht tun kann. Ich bekenne, dass das, was ich vorher mit großer Freude tat, nur ein Ausdruck von Stolz und Eigenwillen war.“

Philipp verbot einst einem seiner Beichtkinder, nach Tivoli und einem anderen, nach Neapel zu reisen. Beide handelten gegen dieses Verbot. Der erste stürzte vom Pferd und brach sich das Bein, der Zweite stürzte ins Meer und geriet in Lebensgefahr. Nicht nur mit Worten, sondern noch mehr durch sein Beispiel regte Philipp die Seinen zur Tugend des Gehorsams an. Er selbst war seinen Oberen jederzeit vollkommen gehorsam. Obwohl er als Vorsteher nach Vallicella gekommen war, legte er alles andere zur Seite, wenn er an die Pforte, in die Sakristei oder in die Kirche gerufen wurde. Er pflegte zu sagen, es sei besser, dem Sakristan und dem Pförtner zu gehorchen, als in der Kammer zu beten. Wenn ihm jemand bisweilen vorwarf, man dürfe einem Priester die Zeit der Vorbereitung auf die Hl. Messe nicht nehmen, antwortete er: „Wenn ein Priester mit ganz reinem Gewissen lebt, kann er zu jeder Stunde die Hl. Messe feiern.“ Auch den Ärzten gehorchte er immer, wenn er krank war, und schluckte sofort und mit frohem Gesicht auch die bitterste Medizin. Wenn sie ihm das Gebet verboten oder, was ihm noch viel schwerer wurde, die Hl. Messe zu feiern, gehorchte er augenblicklich. Einem Arzt, der ihm für 14 Tage verbot, die Hl. Messe zu lesen, war er gehorsam, obwohl es für ihn die härteste Abtötung war.

Er gab den Seinen dazu noch einige Ratschläge und Ermahnungen: Wer im geistlichen Leben vorankommen wolle, solle sich dem Willen der Oberen ganz und gar ergeben. Wer aber keinen Oberen habe, sollte ganz dem Rat eines erfahrenen und klugen Beichtvaters folgen und ihm an Gottes statt gehorchen. Wer so lebe, müsste dem himmlischen Richter in diesen Dingen keine Rechenschaft geben. Doch jeder sollte reiflich überlegen, wen er sich zum Beichtvater erwählte. Den Gewählten aber solle man nur aus wirklich schwerwiegenden Gründen verlassen. Er sagte: „Wenn der Teufel den Menschen nicht zu einer schweren Sünde verführen kann, dann bemüht er sich nach Kräften, Misstrauen zwischen den Beichtkindern und dem Beichtvater zu säen. Und die er offen nicht betrügen kann, überlistet er, indem er ihnen den geistlichen Führer nimmt und sie so heimlich niederwirft.“ Weiter sagte Philipp: „Der kürzeste Weg zur Vollkommenheit ist der Gehorsam.“ Er halte viel mehr von denen, deren Leben sich von der allgemeinen Lebensweise kaum unterscheide, die aber versuchten, im vollkommenen Gehorsam zu leben, als von jenen, die sich selbst die strengste Askese auferlegten. Darüber hinaus wünschte er, dass sie in den kleinen Dingen lernten zu folgen, in der Hoffnung, dass es ihnen in den großen und schweren Dingen umso besser gelänge.
Eines Tages schickte Philipp Franciscus della Molara, ein Beichtkind, nach St. Hieronymus mit dem Schlüssel seines Zimmers, um dort etwas zu erledigen. Trotz mehrfacher Versuche gelang es ihm nicht, aufzuschließen. Er schämte sich, so erfolglos zurückzugehen, aber bei einem erneuten Versuch bekam er nicht einmal mehr den Schlüssel ins Schloss. Zurückgekehrt gestand er Philipp beschämt sein Versagen. Dieser aber schickte ihn erneut dorthin. Er ging, schloss auf und erledigte seinen Auftrag. Verwundert und voll Freude kehrte er zu Philipp zurück, der ihm sagte: „Lerne daraus, mein Sohn, wie wichtig es ist, ohne Widerrede zu gehorchen.“

Von den Mitgliedern der Kongregation forderte Philipp vor allem, dass sie, wenn es an der Zeit war, alles Andere zur Seite legten, um ihre auferlegten Pflichten in der Kirche, im Oratorium oder im Haus zu verrichten. Er mahnte zudem, dass keiner in der Sakristei etwas Eigenes oder Besonderes haben sollte – keine Albe oder Kelch, keinen bestimmten Altar oder eine bestimmte Stunde – jeder sollte den Wünschen des Sakristans nachkommen. Außerdem sagte er, dass zu einem vollkommenen Gehorsam gehöre, einen Befehl des Oberen zu befolgen, ohne darüber nachzugrübeln oder zu forsche. Man solle sicher sein, dass nichts besser und vollkommener sein könne, als das vom Oberen Befohlene. Deswegen ermahnte er die Ordensmitglieder: Sollte ihr Oberer sie aus irgendeinem Grund an einen anderen Ort schicken, wo kein Nutzen zu erwarten war, sollten sie sofort dem Befehlenden gehorchen: Man müsse sehen, dass Gott das Gut, nach dem wir verlangen, auf diese oder jene Weise, zu dieser oder jener Zeit, durch uns oder andere durch die Tugend des Gehorsams wirken kann.

Endlich ermahnte er die Beichtväter, dass sie bei ihren Beichtkindern vor allem diese Tugend einüben sollten. Sie sollten sie lehren, den Verstand zu zähmen und den eigenen Willen unterzuordnen. Und sie sollten sie darin unterweisen, die eigenen Wünsche abzulegen und sich zu unterwerfen, statt sich mit vielen Kasteiungen des Leibes zu plagen. Und er setzte hinzu, dass diejenigen, die dies wegen ihrer Nachlässigkeit oder falscher Rücksicht bei ihren Beichtkindern versäumten, ohne Zweifel vor Gott Rechenschaft ablegen müssten.

TEIL II
TUGENDEN, CHARISMEN, KRANKHEIT UND TOD

Der hl. Philipp Neri war sehr reich ausgestattet mit außergewöhnlichen Gaben des Heiligen Geistes. In der Lebensbeschreibung von Pietro G. Bacci, übersetzt durch Carl B. Reiching (Regensburg 1859), die dieser Veröffentlichung als Vorlage dient, ist der zweite Teil des Buches den Tugenden, der dritte Teil den Charismen und der vierte Teil der Beschreibung von Krankheit und Tod gewidmet. Die Auswahl der Texte und geringfügige Anpassungen an ein „Deutsch von heute“ besorgte in diesem zweiten Teil P. Winfried M. Wermter C.O.

Unter den Tugenden werden in der Quelle zu dieser Veröffentlichung besonders hervorgehoben: Die Liebe zu Gott, zur Gottesmutter Maria und allen Heiligen; das Gebetsleben, die Nächstenliebe, die Reinheit und Keuschheit, die innere Armut, die Demut, der Gehorsam, die Abtötung und die Geduld. Aus Platzmangel kann hier nur eine einzige Tugend als Beispiel herausgegriffen werden. Die Wahl fiel auf die Geduld.

Von den Charismen sind bei Bacci besonders betont: Die Gabe der Weisheit und des Rates, Ekstasen, Levitationen, Visionen, Weissagungen, Herzensschau, Bilokation und der Befreiungsdienst. Weil der Umgang mit dem Bösen den hl. Philipp besonders als Seelsorger zeigt, wurde hier dieser Aspekt ausgewählt.


Die Geduld des hl. Philipp

Wir kommen nun zu jener Tugend, die viele Heilige für den Prüfstein aller Heiligkeit halten, nämlich die Geduld. Abgesehen davon, was wir bereits im ersten Teil über jene Übungen erwähnt haben, die Philipp in St. Hieronymus einführte, können wir wohl sagen, dass sein ganzes Leben nur eine einzige ununterbrochene Übung der Geduld war. Die Ursache waren die Widersprüche, denen er bei allem begegnete, was er tat. Philipp war die Zielscheibe des Spottes und Gelächters, namentlich seitens der Hofleute in den Palästen des Römischen Adels. Sie sagten alles Schlimme von ihm, was ihnen gerade einfiel, besonders solange er sich in St. Hieronymus aufhielt. Sobald sich einer seiner Schüler blicken ließ, wurde er gefragt: „Was macht P. Philipp? – Was hat er heute Morgen für Leckerbissen gefrühstückt? – Wie viele Geschenke hat man ihm gemacht? – Was alles haben ihm seine geistlichen Töchter verehrt?“ Solche und dergleichen Reden mussten sie hören und das Gespött dauerte Jahr für Jahr, so dass ganz Rom davon voll war und in allen Werkstätten und Schreibstuben über Philipp nur gelacht wurde. Ein angesehener Mann, der sich selbst früher über ihn lustig gemacht hatte, dachte später über diese unverwüstliche Geduld nach und fasste eine solche Hochachtung für ihn, dass er sich beständig seinem Gebete empfahl. Wo immer das Gespräch auf Philipp kam, betonte er seine Güte.

Es gab einige, die es aus Neid und Eifersucht oder aus anderen Gründen nicht sehen konnten, dass die Übungen des Oratoriums gediehen und der Ruf der Heiligkeit Philipps sich täglich weiter verbreitete. Diese Leute ergriffen jede Gelegenheit, um in anderen eine schlimme Meinung von ihm zu erwecken. Eines Tages ging das Geschrei durch ganz Rom, der P. Philipp von St. Hieronymus sei ins Gefängnis gesperrt worden, wegen einer unsauberen Geschichte mit Frauen. Die Sache verhielt sich aber so, dass ein Diener, der in der Nähe wohnte und auch Philipp hieß, aus diesem Grund eingekerkert worden war. Aber die Verleumder benutzten den Gleichlaut der Namen und gingen umher, um dieses Gerücht über den Heiligen auszustreuen. Als Philipp davon hörte, nahm er es nicht im Geringsten übel auf, sondern er blieb ganz ruhig und lächelte darüber.

Einst ging er zu einem Prälaten, um für Fabrizio de Massimi Fürsprache zu halten, der fälschlich eines schweren Verbrechens angeklagt worden war. Philipp hatte für die Unschuld des Angeklagten Beweise. Der Prälat weigerte sich nicht nur, der Wahrheit Gehör zu schenken, sondern überhäufte auch noch Philipp mit Schmähworten, so dass die Anwesenden nur staunen mussten – nicht nur über das Betragen dieses Würdenträgers der Kirche, sondern noch viel mehr über die Geduld und Sanftmut des Heiligen, der diese Beschimpfungen mit so heiterem Angesicht ertrug. Endlich wurde jedoch die Unschuld des Angeklagten bewiesen und derselbe freigesprochen. Etwas Ähnliches fiel in der Florentinischen Kirche zu St. Johann vor, wo ein Bedienter eines adligen Herrn, ohne alle Veranlassung, so unverschämt auf Philipp zu schimpfen anfing, dass Fabrino Mantachetti, ein Domherr bei St. Peter, eine solche Unverschämtheit nicht länger anhören konnte und im Begriffe stand, Hand an ihn zu legen. Da er aber die Sanftmut und Freundlichkeit sah, mit der Philipp alles hinnahm, hielt er sich zurück und wurde von diesem Beispiel der Geduld so erbaut, dass er von diesem Tage an Philipp wie einen Heiligen verehrte.

Aber nicht nur Auswärtige gaben Philipp häufige Gelegenheit, seine Geduld zu üben. Seine eigenen geistlichen Söhne und sogar jene, die ihm am meisten verpflichtet waren, trugen durch ihr Betragen zu seiner Vervollkommnung in dieser Hinsicht bei. Einige von ihnen, die seinen eigentlichen Charakter nicht im Geringsten begreifen konnten, hielten ihn für einen ungebildeten, einfältigen Mann und behandelten ihn dementsprechend, ohne dass er darüber die geringste Empfindlichkeit an den Tag legte oder sein freundliches Wesen ihnen gegenüber veränderte. Als einmal eine wichtige Angelegenheit verhandelt wurde, die seine Kongregation betraf, erhielt der Heilige als verantwortlicher Oberer ein Brief. Während er diesen lesen wollte, riss ihm einer der Anwesenden den Brief in unverschämter Weise aus der Hand, mit der Bemerkung, dies brauche nicht gelesen zu werden. Der Heilige nahm diese Beleidigung mit einer so unvergleichlichen Sanftmut auf, dass weder sein Blick, noch ein Wort oder eine Gebärde die geringste innere Aufregung verriet. Erst lange nachher trug er dem Pater Germanicus Fedeli auf, dass der Beleidiger nach seinem eigenen Tode zurechtgewiesen werden solle, damit er seinen Fehler erkennen, dafür Buße tun und Verzeihung und Nachlass bei Gott erlangen möge. (…)

Merkwürdig ist übrigens, dass all jene, die den Heiligen in irgendeiner Weise verfolgten, es entweder später bereuten und um Verzeihung baten, oder kurz darauf von Gott gezüchtigt wurden. (…) Eine schon hochbetagte adelige Dame, die nun infolge einer schweren Krankheit dem Tode nahe war, wurde öfters von Philipp besucht. Er ging zu ihr hin, um die Beichte abzunehmen. Ihr Neffe, der Philipp so oft zu seiner Tante gehen sah, fürchtete, sie würde die Kongregation zum Erben machen und man gab daher dem Heiligen zu verstehen, dass er seine Besuche aussetzen sollte. Da aber nur das Heil ihrer Seele der Beweggrund war, setzte er dem ungeachtet seine Besuche fort. Darüber wurde der Neffe noch zorniger und argwöhnischer und er befahl seinen Dienern, Philipp nicht mehr zu seiner Tante hereinzulassen. Philipp überwand alle diese Schwierigkeiten und setzte seine Besuche fort, ohne auf eine Drohung zu achten. Als die anderen Patres seiner Kongregation davon hörten, baten sie den Heiligen, nicht mehr dorthin zu gehen, da er sich damit einer Gefahr aussetze. Darauf erwiderte Philipp: „Ich gehe zu der Kranken um ihres Seelenheiles willen, und wenn ich deshalb getötet werden sollte, so wäre es das größte Glück, das mir begegnen könnte.“ Die Patres aber meinten, dass es doch in manchen Fällen besser sei nachzugeben. Darauf erwiderte Philipp: „Seid nur guten Mutes, es wird mir kein Leid geschehen. Die Frau, die jetzt so schwer krank daniederliegt, wird in Kürze genesen und der Neffe, der in voller Gesundheit steht, wird in 14 Tagen sterben.“ Dies traf buchstäblich ein. Die Dame genas wieder und lebte noch lange, währen der Neffe zwei Wochen später starb.

Ein anderes Mal, als der Heilige mit seinen geistlichen Söhnen die sieben Kirchen besuchte, wie es seine Gewohnheit war, sagte jemand, dem dies nicht gefiel, verächtlich zu seinem Begleiter: „Was meinst du – diese Hieronymiten (Spottname) sind zu den sieben Kirchen gegangen und haben sieben mit Kuchen beladene Esel mitgenommen.“ Er spottete noch weiter und zog das Ganze ins Lächerliche. Einige Tage nachher starb dieser Spötter durch Mörderhände. (…) Philipp übte die Geduld so weit, dass er nicht nur seine Verfolger geduldig ertrug, sondern sie sogar von Herzen liebte. Er begnügte sich nicht damit, selbst für sie zu beten und deshalb oft nach St. Peter oder eine andere Kirche zu gehen, sondern er ließ auch seine Beichtkinder für sie beten und gab ihnen oft ein Vaterunser oder ein Ave-Maria für seine Verfolger auf. Die Geduld war ihm wirklich so sehr zur zweiten Natur geworden, dass man ihn nie im Zorne sah und dass es schien, als ob er nicht einmal zornig werden könnte. Sobald die erste Regung des Zornes in ihm aufstieg, unterdrückte er sie im Augenblick und indem er sich Gewalt antat, nahm er gleich wieder eine freundliche Miene an. Manchmal zeigte er, um seine geistlichen Kinder zurecht zu weisen, ein strenges und ernstes Gesicht. Sobald sie aber fort waren, wandte er sich an einen zufällig Anwesenden und sagte: „Glaubtest du nicht, dass ich zornig war? – Ich bin nicht zornig, nein, aber ich muss mich bisweilen so stellen“ – und sogleich heiterte sich sein Gesicht wieder auf. Zuweilen lachte er sogar mit jenen, gegen die er sich kurz zuvor erzürnt gestellt hatte und sagte: „Ihr habt gewiss ein Ärgernis an mir genommen, nicht wahr?“ Eines Morgens, nachdem er die Hl. Messe gelesen hatte, begegnete er, als er gerade aus seiner Privatkapelle kam, dem Pater Gallonio. Sobald er ihn sah, stellte er sich ganz unwillig gegen ihn und gab ihm, ohne allen Anlass, einen sehr scharfen Verweis, so dass Gallonio seine Aufregung nicht verbergen konnte. Als der Heilige dies bemerkte, sagte er mitten in der Hitze seines gespielten Zornes zu ihm: „Anton, gib mir einen Kuss!“ Und er bestand darauf, dass er ihn küsste, um dadurch jedes Gefühl der Bitterkeit aus seinem Herzen zu verbannen.

Niemals sah man Philipp traurig. Wer zu ihm ging, fand ihn immer mit einem heiteren und freundlichen Gesicht, dem aber keineswegs ein würdevoller Ernst abging. Dies war unter seinen Schülern so bekannt, dass sie zu sagen pflegten: „Man mag dem P. Philipp sagen oder tun was man will, man kann ihn nicht aus der Fassung bringen.“ Einst wurde ihm berichtet, dass einige Leute ihn einen einfältigen alten Mann genannt hätten, und er freute sich sehr darüber. Ein anderes Mal hörte er, dass ein Ordensgeistlicher über ihn gesagt habe, er sei kindisch ge-worden. Dies sagte er sogleich mit großem Gelächter dem Kardinal Cusanus. Als man ihm ferner sagte, man halte ihn für einen Narren, weil er mit einem Hund im Arme durch die Straßen Roms ginge, so lachte er darüber und freute sich ungemein. Und ein anderes Mal, als man ihm meldete, dass öffentlich gegen das Institut des Oratoriums gepredigt worden sei, antwortete er keine Silbe darauf und verriet nicht die mindeste Aufregung.

Philipp bewies eine ebenso erbauliche Geduld in den Krankheiten, die er sich fast jedes Jahr durch seine übermäßigen Anstrengungen zuzog. Er empfing viermal die Letzte Ölung, und selbst in diesen Augenblicken zeigte sein Gesicht dieselbe Ruhe und Heiterkeit wie sonst. Als die Ärzte ihn einmal schon aufgegeben hatten und er sah, dass alle, die ihn umstanden, bei dem Gedanken an seinen nahen Tod sehr niedergeschlagen waren, sagte er mit fester Stimme und ruhigem Mute: „Paratus sum et non sum turbatus – Ich bin bereit und ruhig.“ Von seiner Krankheit sprach er nie, außer mit den Ärzten, und er ließ niemals äußerlich den Schmerz merken, den er litt, so heftig er auch sein mochte. Und wenn er einige Worte sprach, so waren es etwa folgende: „Mein Herr, wenn du willst – siehe, da bin ich!“, oder auch: „Meine Liebe, ich habe dich nicht erkannt, ich habe nichts Gutes getan.“ Er hörte immer die Beichten seiner geistlichen Kinder, wenn die Ärzte es ihm nicht ausdrücklich verboten. Und wenn seine Hausgenossen ihn baten, dies nicht zu tun wegen seiner Krankheit, so sagte er, sie sollten ihn in Ruhe lassen, denn das Beichthören sei eine Erholung für ihn. So groß war sein Eifer für das Seelenheil seiner Nächsten. Man hörte nie, dass er seine Stimme veränderte, wie es bei Kranken gewöhnlich der Fall ist, sondern er sprach mit derselben wohlklingenden Stimme wie in gesunden Tagen. Anstatt von seinen Besuchern getröstet zu werden, tröstete er sie selbst auf die liebevollste Weise. (…)

Philipp stellte seinen geistlichen Söhnen nicht nur immer ein glänzendes Beispiel der Geduld vor Augen, sondern er gab ihnen auch im Hinblick auf diese Tugend mancherlei Lehren und Ermahnungen. Er sagte z.B. dass einem Christen nichts Besseres begegnen könne, als für Christus zu leiden, und: „Wer Gott wahrhaft liebt, wird sich nichts so sehr zu Herzen nehmen, als wenn er keine Gelegenheit hat, Schmerzen für ihn zu ertragen. Denn wenn man keinen Kummer hat, ist das der größte Kummer für einen Diener Gottes“. Wenn er hörte, dass einer seiner Schüler sagte, er könne diese oder jene Widerwärtigkeit nicht ertragen, so pflegte er zu ihm zu sagen: „Sage lieber, du seist nicht wert, eine so große Wohltat zu empfangen oder vom Herrn heimgesucht zu werden. Denn es gibt keinen deutlicheren Beweis von der Liebe Gottes, als die Trübsal, die er uns sendet.“ Als sich einst ein Beichtvater bei ihm beklagte, er werde ungerecht verfolgt, tadelte ihn Philipp mit den Worten: „Wie kannst du anderen Geduld beibringen, wenn du selbst so ungeduldig bist?! Mein Sohn, die Größe unserer Liebe zu Gott wird durch die Größe unseres Verlangens erkannt, aus Liebe zu ihm zu leiden. Es gibt nichts, sagte er, was die Verachtung der Welt schneller bewirkt oder die Seele inniger mit Gott vereinigt, als wenn man von Leiden und Widerwärtigkeiten heimgesucht wird. Und jene, die nicht in diese Schule geschickt werden, dürfen sich wohl unglückliche Menschen nennen.“

Er wiederholte gerne und oft, in diesem Leben gäbe es kein Fegfeuer, sondern entweder eine Hölle oder einen Himmel, denn wer Gott wahrhaft dient, für den verwandelt sich jedes Leiden und jede Trübsal in einen Trost, und schon in dieser Welt trage er einen Himmel in sich bei allen Leiden, die ihn treffen – abgesehen von seiner Belohnung in der künftigen Welt. Ein anderer Lieblings-Ausspruch von ihm war: „Wenn Gott der Seele außerordentliches inneres Glück sendet, dann darf man sich auf irgend eine schwere Trübsal oder Versuchung gefasst machen. Und wenn man von einer solchen ungewöhnlichen inneren Freude und Begeisterung ergriffen ist, dann soll man Gott um die Gnade und Stärke bitten, dass man das ertragen kann, was sein göttlicher Wille senden wird.“ Er sagte auch, dass man bei solchen geistlichen angenehmen Erlebnissen sehr auf der Hut sein müsse, weil dann immer eine Gefahr sich zu versündigen in der Nähe sei. Wenn man solche Süßigkeiten verkoste, so müsse man sich sogleich verdemütigen und Gott bitten, dass die Gefahr, welche sie andeuten, keine Todsünde sein möchte, sondern eine andere Art der Trübsal, die uns nicht von seiner Gnade trennt. Denn wir dürfen es als die gewöhnliche Regel ansehen, dass ein geistliches Glücksgefühl immer der Vorläufer irgendeiner Gefahr für die Seele ist.

Um seine Schüler in dieser Tugend der Geduld zu ermuntern, ermahnte er sie, nie den Mut zu verlieren, denn es sei so Gottes Art und Weise, aus dem menschlichen Leben gleichsam ein Gewebe zu machen – zuerst aus Sorge, Kummer und Not, dann aus Trost und Freude. Sie sollten nie vor einem Kreuze fliehen, denn sonst könnten sie sicher damit rechnen, sich ein größeres aufzuladen. Es gäbe auf Erden nichts Schöneres als aus der Not eine Tugend zu machen, anstatt, wie die meisten Menschen, sich selbst sein Kreuz zu zimmern. Er riet jedoch seinen Beichtkindern nicht, dass sie um Trübsale bitten möchten, in der Annahme, sie würden es schon schaffen. Sie sollten in dieser Hinsicht sehr vorsichtig sein, denn man tue schließlich nichts Geringes, wenn man ertrage, was Gott jeden Tag sendet. Einigen, die sich im Dienste Gottes schon lange geübt hatten, empfahl er Folgendes: Zur Zeit des Gebetes sollten sie sich vorstellen, es würden ihnen alle nur möglichen Beleidigungen und Ungerechtigkeiten angetan. Und dann sollten sie, die Liebe Christi nachahmend, Akte der Liebe erwecken und so ihre Herzen daran gewöhnen, jenen die Beleidigungen zu verzeihen, die sie ihnen vielleicht antun könnten. Diese Übung werde ein großes Wachstum an Heiligkeit mit sich bringen. Einer Person jedoch, die ihn bat, sie die Methode dieser Übung zu lehren, sagte er: „Nein, es würde nicht gut für dich sein, es ist nicht für alle.“ Mit diesen und ähnlichen heiligen Ermahnungen bestärkte Philipp sich und andere in der Tugend der Geduld.

Der Kampf mit dem Bösen

Der hl. Philipp war stets abgeneigt, jemanden zu exorzieren, doch Gott hatte ihm auch diese Gabe verliehen, und er befreite manche, die von bösen Geistern besessen waren. Eine junge Frau namens Katharina wurde aus Aversa im Königreich Neapel zu ihm gebracht, damit er für sie bete. Obwohl das Mädchen gar keine höhere Bildung hatte, sprach sie doch griechisch und lateinisch, als ob sie jahrelang studiert hätte, und besaß eine so überirdische Stärke, dass mehrere starke Männer sie nicht zu halten vermochten. Jedes Mal, wenn der hl. Philipp damit beginnen wollte über sie zu beten, hatte sie ein Vorgefühl davon und sagte: „Nun schickt jener Priester nach mir“, und dann floh sie und versteckte sich in verschiedenen Winkeln des Hauses, und es war sehr schwer, sie in die Kirche zu bringen. Eines Tages, als ihre Freunde sie in die Kirche der Florentiner führten, um sie befreien zu lassen, fing Philipp an – gerührt von Mitleid für sie und ihre Angehörigen – mit außerordentlicher Inbrunst für sie zu beten. Der Teufel wurde sogleich überwunden und Katharina war befreit. Sie kehrte dann in ihre Heimat zurück und wurde nie wieder von bösen Geistern belästigt.

Zwei Jahre, bevor der hl. Philipp Neri starb, hatte die Römerin Lucretia Cotta schon acht Jahre lang durch böse Geister gelitten. Die Besessenheit zeigte sich besonders in ihrem Herzen und in ihren Augen. Diese waren ganz verdreht, so dass sie beinahe das Augenlicht verlor. Der Schmerz in ihrem Herzen war so groß, dass ihr Pfarrer wiederholt den Eindruck hatte, dass sie sterben würde und ihr die letzte Ölung spendete. Manchmal war es ihr, als ob man ihr das Herz aus dem Leib herausreißen würde, und dies verursachte so heftige Zuckungen, dass sie manchmal auch mehrere Frauen nicht festhalten konnten, und wenn dies vorüber war, lag sie da wie eine Leiche. Infolge davon konnte sie weder essen noch schlafen, noch irgendwie Ruhe finden, so dass sie so schwach wurde, dass sie nicht stehen oder gehen konnte, ohne von anderen gestützt zu werden. Während sie in diesem elenden Zustand war und eines Tages dem hl. Philipp ihre Beichte ablegte, wurde er durch ihre Qualen zum Mitleid bewegt, und er befahl ihr, nieder zu knien. Sie gehorchte sogleich, worauf er ihr eine seiner Hände auf das Herz legte, und die andere auf die Augen, und in dieser Stellung betete er für sie. Er setzte sein Gebet ungefähr eine halbe Stunde lang fort und als er seine Hand von ihrem Herzen weg nahm, war sie augenblicklich von dem Schmerz befreit, den sie vorher im Inneren empfunden hatte, und sie spürte nachher nichts mehr davon.

Einige Zeit nachher kam sie wieder zur Beichte, und Philipp legte seine Hände auf ihre Augen und ließ sie daselbst mehr als eine viertel Stunde. Als er sie wegnahm, fing sie zu schreien an: „Ach, Pater, ihr habt mich jetzt ganz blind gemacht!“ Der Heilige lächelte und sprach: „Fürchte dich nicht, du wirst nicht erblinden.“ Wie wunderbar – eine Stunde später schien plötzlich ein Schleier von ihren Augen zu fallen; sie sah deutlich und die Pupillen ihrer Augen kehrten wieder in ihre rechte Lagen zurück!

Eines Tages wurde an einer Dame aus einer fürstlichen Familie in Deutschland in der Kirche Santa Cruce ein Exorzismus vorgenommen, und der hl. Philipp war auf die Bitte des Kardinals Otto Truchsess dabei anwesend. Als ihr das Holz des Heiligen Kreuzes, zusammen mit einigen anderen Reliquien, gezeigt wurde, litt sie die fürchterlichsten Qualen, und obwohl manche aus ihren Gebärden schlossen, dass der Dämon sie verlassen werde, war es doch nicht so, worauf sie den hl. Philipp zu Hilfe riefen. Der hl. Philipp, von Mitleid gerührt und durch die Bitten der Umstehenden bewogen, näherte sich ihr, obwohl mit großem Widerstreben. Er zwang den bösen Geist, ihm zu sagen, an welchem Tage er sie verlassen werde. Der Heilige wandte sich dann zu den Anwesenden und sagte: „Ich muss euch sagen, dass diese Dame noch nicht befreit ist, und zwar wegen der Ungläubigkeit einer Person, die hier anwesend ist. Aber morgen wird der böse Geist sie ganz sicher verlassen.“ Und so war es auch, denn an jenem Tage, in der Kirche Santa Maria della Rotunda, schied der Böse von ihr, zur großen Freude ihrer Verwandten, die sie vollkommen gesund in ihre Heimat zurückführten.

Eines Tages ging der hl. Philipp mit Pietro Bitrici in die Lateran-Basilika. Es wurden gerade die Reliquien der heiligen Apostel Petrus und Paulus zur Verehrung ausgestellt. Das Schiff der Kirche war halb mit Leuten gefüllt. In dem Augenblick, als die heiligen Reliquien ausgestellt wurden, fing eine Frau, die besessen war, laut zu schreien an. Der hl. Philipp, von Mitleid gerührt und wohl wissend, dass sie wirklich vom Teufel besessen war, fasste sie beim Haar und spuckte ihr ins Gesicht und sage dabei: „Kennst Du mich?“ Sie antwortete: „Auf diese Art möchte ich dich nicht kennen“, und dann fiel sie halb tot zu Boden, war aber vom bösen Geist befreit. Als der Heilige das Volk herbeiströmen sah, ging er sogleich hinweg, um alles Aufsehen zu vermeiden. Ja, er hatte solche Gewalt über die Dämonen, dass er ihnen sofort verbot, die belasteten Personen an der Beichte und Kommunion zu hindern. (…)

Eines Morgens kamen zwei arme ältere Frauen in die Kirche. Eine von ihnen ging zum Messner in der Sakristei und sagte ihm: „Hab die Güte, den hl. Pater zu rufen.“ Der Messner antwortete: „Der Pater ist alt und kann nicht die Stiegen herabkommen.“ Die Frau aber bat dringend, den Pater zu rufen, denn ihre Gefährtin, die besessen sei, möchte dringend beichten. Der Messner wiederholte, dass der Heilige wirklich nicht kommen könne, aber die Frau wollte sich nicht abwimmeln lassen und drang so sehr in ihn, dass er selbst von Mitleid gerührt wurde und hinging um Vater Philipp zu rufen. Der hl. Philipp antwortete aber: „Jagt sie hinweg, was soll ich mit besessenen Frauen tun?!“ Aber nach einer kleinen Weile spürte er selbst Erbarmen und sprach: „Geh und sage ihr, sie soll warten.“ Als er in die Kirche kam, ging er in Richtung Beichtstuhl. Die Besessene geriet schon bei seinem Anblick in Unruhe, und musste mit Gewalt zu ihm hingeführt werden. Er aber sagte nur zu ihr: „Knie nieder, gute Frau!“ und augenblicklich war sie ruhig, kniete nieder und verrichtete ihre Beichte ohne Schwierigkeiten. Er reichte ihr nachher die Hl. Kommunion, und sie kam später mehrmals wieder und beichtete und kommunizierte in seiner Gegenwart in vollkommenster Ruhe. Aber der Stolz des Teufels konnte die Herrschaft Philipps über ihn keineswegs ruhig ertragen, und wenn der Heilige ihn zwang, entweder aus einer Person auszufahren oder zu schweigen, so gab der Böse immer ein Zeichen des Trotzes und der Wut gegen den Heiligen von sich.

Obwohl Gott dem hl. Philipp die Gabe, Besessene zu befreien, gegeben hatte, so übte er sie doch sehr selten aus und nur, wenn er gleichsam dazu gedrängt wurde. Er sagte, man solle nicht so voreilig glauben, dass eine Person wirklich besessen sei oder sich durch jedes kleine Anzeichen verführen lassen, weil die Körper-beschaffenheit und das Temperament oft ähnliche Wirkungen hervorbringen, z.B. Trübsinn, Schwäche des Kopfes und dergleichen. Bei Frauen kommt dasselbe manchmal auch, infolge einer überspannten Einbildungskraft vor oder aus besonderen körperlichen Leiden. Ja, aus unterschiedlichen Absichten stellen sie sich sogar manchmal besessen. Einst wurde zum P. Nikolaus Gigli ein Mädchen gebracht, das, wie ihre Verwandten behaupteten, besessen war, denn sie ging in der Nacht schreiend im Hause umher, zerbrach das Geschirr, brachte alles, woran sie Hand anlegen konnte, in Unordnung und beging alle möglichen Tollheiten. Der Fall wurde dem Heiligen beschrieben, und man bat ihn, sie zu besuchen. Er ging hin und sah sogleich, dass es lauter Bosheit war, worauf er den Bruder des Mädchens rufen ließ und zu ihm sagte: „Wenn du deine Schwester kurieren willst, so gib ihr eine tüchtige Tracht Prügel sooft sie ihre Verrücktheiten anfängt. Dies wird sie wieder in Ordnung bringen.“ Ihr Bruder befolgte diesen Rat, und das Mädchen bekannte bald, dass sie keinen bösen Geist bei sich habe, und dass alles Lug und Trug gewesen sei, von Anfang bis zum Ende.

Ein anderes Mal wurde eine Frau Namens Sidera von Sabina nach Rom gebracht. Jedermann hielt sie für besessen. Eines Morgens, als ihre Verwandten sie nach St. Peter mitnehmen wollten, um den päpstlichen Segen zu erhalten, sprang sie fort und stürzte sich in einen Brunnen. Weil aber mehrere Personen in der Nähe waren, so wurde sie wieder herausgezogen, ohne viel Schaden zu nehmen. Sie nahmen sie mit zum Segen und führten sie später mehrmals in die Kirche Spirito Santo, um sie von einigen Priestern, die dort waren, exorzieren zu lassen. Alles war vergebens. Endlich riet man ihren Freunden, sie zum hl. Philipp zu bringen. Sobald er sie gesehen und für sie gebetet hatte, sagte er zu ihren Freunden: „Sie ist nicht besessen, sie ist psychisch krank. Habt also Geduld mit ihr, und fügt ihr kein Leid mehr zu.“

Er schärfte deshalb seinen Schülern ein, sie sollten in diesen Punkten nicht leichtgläubig sein, und nie eine Frau exorzieren, außer öffentlich in der Kirche und in Gegenwart von sieben oder acht Zeugen, wegen der vielen ernsten Gefahren und Verdächtigungen, die bei solchen Gelegenheiten entstehen.

Philipps letzte Krankheiten und die Erscheinung
der seligsten Jungfrau Maria

Philipp, mit Jahren und Verdiensten beladen, näherte sich allmählich dem Ende seines Lebens. Im Jahr vor seinem Tod, im April, wurde er von einem Fieber befallen, das mehrere Tage andauerte, und er war kaum wieder genesen, als er im Mai von so heftigen Lendenschmerzen ergriffen wurde, dass man an einigen Tagen seinen Puls kaum mehr spürte. Er nahm beinahe keine Nahrung zu sich und konnte nur kaum vernehmlich sprechen. Er brachte seine Zeit jedoch in der größten Ruhe zu, ließ keine Klage hören und zeigte keine Unruhe in der Bewegung seiner Glieder. Er wiederholte nur öfters mit leiser Stimme die Worte: „Vermehre meinen Schmerz, aber vermehre auch meine Geduld! (Adauge dolorem, sed adauge patientiam).“ Da diese heftigen Schmerzen 10 bis 12 Stunden fortdauerten, ohne im Mindesten abzunehmen und er dabei auch kein Wasser lassen konnte, so kamen etwa drei Stunden vor dem Ave-Maria zwei Ärzte. Sie fühlten ihm den Puls und sagten, er habe nur noch ganz kurze Zeit zu leben. Sie zogen dann die Vorhänge zu und besprachen sich leise mit den im Zimmer Anwesenden. Von diesen waren einige Bewohner des Hauses, andere Fremde, aber alle waren geistliche Kinder Philipps, die von Schmerz erfüllt wurden, als sie hörten, dass der Tod ihres geliebten Vaters herannahte. Plötzlich fing der hl. Philipp mit lauter Stimme zu rufen an: „Ach meine Madonna, meine süße Madonna, meine gebenedeite Madonna!“ Er sprach dies mit solcher Inbrunst, dass das ganze Bett zitterte. Als die Ärzte seine Stimme hörten, liefen sie zu seinem Bett und zogen die Vorhänge weg. Da sahen sie den Heiligen mit zu Himmel erhobenen Händen und sein Leib schwebte ungefähr einen Fuß über dem Bett in der Luft. Er streckte seine Arme aus und schien jemand mit großer Liebe zu umfangen, dabei wiederholte er zärtlich unter Tränen öfters die Worte: „Ich bin nicht würdig, denn wer bin ich, meine teuerste Madonna, dass du zu mir kommst, mich zu besuchen und mir meinen Schmerz zu nehmen? Was soll ich tun, wenn ich wieder gesund werde, ich der noch nie etwas Gutes getan habe?“ Die Umstehenden waren ganz erstaunt. Einige fingen zu weinen an, andere überkam ein Gefühl der Furcht, während die übrigen in gespannter Erwartung waren, was das Ende dieser plötzlichen Veränderung sein werde. Die Ärzte fragten ihn nun, was es sei, worauf Philipp, der nun wieder auf seinem Bette lag, zur Antwort gab: „Habt ihr die gebenedeite Jungfrau nicht gesehen, die hereinkam, um mich von meinem Schmerz zu befreien?“ Nach diesen Worten schien er wieder zu sich selbst zu kommen, blickte um sich und, da er so viele Personen gegenwärtig sah, bedeckte er sein Gesicht mit einem Tuche und brach in Tränen aus. So weinte er lange Zeit, bis die Ärzte, fürchtend, es könnte ihm schaden, ihn baten aufzuhören, indem sie sagten: „Es ist genug, Pater, weint nicht mehr!“ Nun erklärte der hl. Philipp gerade heraus: „Ich habe eure Dienste nicht länger nötig, die Madonna ist gekommen und hat mich geheilt.“ Auf dieses hin fühlten die Ärzte den Puls und fanden, dass das Fieber ihn ganz verlassen hatte und dass er geheilt sei. Am anderen Morgen stand er vom Bett auf. Angelo de Bagnarea schrieb, sobald er heimkam, einen genauen Bericht über alles, was vorgefallen war. Und obgleich Philipp die Ärzte dringend ersuchte, niemand etwas von dem Vorfall zu sagen, so waren sie kaum aus dem Haus, als sie anfingen, die Neuigkeit zu verbreiten. Dieselbe kam bald zu Ohren der Kardinäle Cusano und Borromäo, die augenblicklich kamen, um dem Heiligen dazu Glück zu wünschen, dass er seine Gesundheit wieder erlangt und einen Besuch von der göttlichen Mutter erhalten habe. Sie drangen beide in ihn, dass er ihnen seine Vision erzählen möchte, und nach vielen Bitten ließ Philipp, der sie sehr schätzte, sich herbei, ihnen alles genau zu erzählen, wie es vorgefallen war. Der Kardinal Borromäo, wohl wissend, was für ein Trost dies für seine Heiligkeit Clemens VIII. sein würde, setzte sogleich einen Bericht darüber auf und schickte ihn an denselben. Während jenes ganzen Abends tat Philipp nichts anderes, als dass er allen, die in sein Zimmer kamen, die Andacht zu der seligsten Jungfrau empfahl, indem er sagte: „Wisst meine lieben Kinder und glaubt mir, der ich es weiß, dass es kein kräftigeres Mittel gibt, Gnaden von Gott zu erlangen, als durch die Fürbitten der gebenedeiten Jungfrau.“ Und er ermahnte sie, häufig diese Worte zu sprechen, die wir bereits erwähnten: „Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitte für mich bei Jesus!“

Im folgenden Jahr 1595 wurde er am letzten März wieder von einem Fieber ergriffen, das so heftig und von einem solchen Frieren begleitet war, dass er zu dem Kardinal von Verona, der ihn besuchte, kein einziges Wort sagen konnte. Diese Krankheit dauerte den ganzen April hindurch. Er hatte jedoch zu Gott gebetet, dass er ihn am ersten Mai, zu Ehren der heiligen Philippus und Jakobus die Hl. Messe lesen lassen möge. Und sein Gebet wurde erhört. Denn an jenem Morgen feierte er die Eucharistie und reichte mehreren von seinen geistlichen Kindern die Hl. Kommunion. Er schien so stark und wohlgemut zu sein, dass man sicher war, Gott habe ihn wunderbar wieder hergestellt. Er selbst hatte vorausgesagt, dass er wieder genesen werde, als jedermann alle Hoffnung aufgegeben hatte. Denn er sagte zu Nero de Neri: „Ich habe vor, dir am Fest des hl. Philippus und Jakobus die Hl. Kommunion zu reichen, denn ich weiß, dass diese Heiligen für mich die Gnade erlangen werden, an jenem Tage die Hl. Messer zu lesen. Dem ungeachtet enthielt er sich, aus Gehorsam gegenüber den Ärzten, die ihm rieten, zu warten, bis seine Gesundheit ganz wieder hergestellt sei, an den drei folgenden Tagen die hl. Messe zu feiern, obwohl er jeden Morgen wie gewöhnlich kommunizierte. Nach diesen drei Tagen fing er wieder an, und feierte täglich die hl. Messe, bis zum 12. Mai.

Am Fest der Märtyrer Nerus und Archillus und der Flavia Domitilla, die die Patrone der Kongregation sind, wurde er plötzlich von einem so heftigen Blutsturz befallen, dass man längere Zeit keinen Puls spürte und jede Hoffnung verloren schien. Da man fürchtete, dass jeder Augenblick sein letzter sein würde, reichte ihm Cäsar Baronius, weil er ihm die hl. Wegzehrung nicht geben konnte, die letzte Ölung in Gegenwart des Kardinals Friedrich Borromäus. Als Philipp dies Sakrament empfangen hatte, schien er wieder ein wenig aufzuleben, weshalb der Kardinal den Wunsch äußerte, ihm mit eigener Hand die hl. Wegzehrung zu reichen. Sobald er mit dem hochwürdigsten Gut in das Zimmer trat, schlug der heilige Greis die Augen auf, die bis dahin geschlossen waren und rief mit großer Inbrunst und lauter Stimme, unter vielen Tränen, aus: „Siehe meine Liebe, siehe meine Liebe; siehe Ihn, der meine ganze Liebe und mein höchstes Gut ist. Gebt mir schnell meine Liebe!“ Er sprach dies mit so inniger Zärtlichkeit, dass jedermann weinen musste. Als der Kardinal ihm das Heilige Sakrament darreichte und die Worte sprach: „O Herr ich bin nicht würdig…“, da wiederholte Philipp diese mit solcher Andacht und mit so lauter Stimme, dass es schien, als ob ihm nichts fehlte. Er sagte: „Nein, Herr, ich bin nicht würdig, und ich war nie würdig; denn ich habe nie etwas Gutes getan.“ Unter diesen Worten weinte er bitterlich und in dem Augenblick, als er die Heilige Kommunion empfing, rief er aus: „Komm, Herr, komm zu mir, komm, o meine Liebe!“ Nachdem er kommuniziert hatte, setzte er hinzu: „Nun habe ich den wahren Arzt meiner Seele empfangen: O Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel – wer etwas anderes wünscht als Christus, weiß nicht, was er sucht, noch was er will!“ Den übrigen Tag hindurch blieb er ganz ruhig und getröstet. Am Abend hatte er drei oder vier ähnliche Anfälle und verlor dabei eine große Menge Blut und litt auch die größten Schmerzen. Er geriet darüber gar nicht in Unruhe, sondern erhob seine Augen zum Himmel und sprach: „Gepriesen sei Gott, der mir in gewissem Sinne erlaubt, ihm Blut für Blut zurück zu geben.“ Als er eines seiner geistlichen Kinder, das anwesend war, in großer Unruhe sah, wandte er sich zu ihm und sagte: „Du hast Angst? – Ich habe nicht die geringste Furcht.“

Es war vollkommen wahr, dass er keine Furcht hatte; denn das, wonach er so inbrünstig verlangte, kam jetzt immer näher. Auf diese Anfälle folgte ein Husten, dass er kaum noch atmen konnte und häufig ausrief: „Ich fühle, dass der Tod wirklich kommt“, und obwohl sie ihm viele Heilmittel reichten, so fruchtete dennoch nichts. Dem ungeachtet sagte Philipp den Ärzten, die ihn am folgenden Morgen besuchten: „Eure Dienste sind nicht nötig – meine Mittel sind viel wirksamer als die euren; denn ich habe heute früh Almosen an viele Ordenshäuser gespendet, damit man für mich Hl. Messen lesen und beten möge, und von jener Zeit an habe ich kein Blut mehr gespuckt, ich bin frei von Schmerzen, kann ohne Beschwerden atmen und fühle mich so wohl, dass ich vollkommen wieder hergestellt zu sein scheine.“ Die Ärzte fühlten ihm den Puls und fanden, dass das, was er sagte, wahr sei, worüber sie sich hoch erstaunt zeigten und erklärten, dass diese Wiedergenesung nichts Geringeres sei als ein Wunder. Von jenem Tage an bis zum 26. Mai erfreute sich Philipp einer vollkommenen Gesundheit und betete täglich sein Brevier, feierte die Hl. Messe, hörte Beichte und reichte die Kommunion, so dass jedermann meinte, er werde wenigsten noch bis zum Ende jenes Jahres leben.

Die Sterbestunde des hl. Philipp

Als die Zeit nahekam, da der Heilige aus diesem Leben scheiden sollte, las er jeden Morgen die Hl. Messe mit so inniger Freude und Inbrunst, dass man wohl sah, er wisse, dass seine Zeit hier auf der Erde nur noch kurz sei. Als das Fronleichnamsfest endlich gekommen war, befahl Philipp in aller Frühe, alle kommen zu lassen, die es wünschten bei ihm zu beichten. Er fing sehr früh am Morgen an, die Beichten seiner geistlichen Kinder zu hören, gerade so, als ob er völlig gesund wäre. Er bat manche von ihnen, nach seinem Tod für ihn einen Rosenkranz zu beten; anderen gab er manche christliche Lehren, indem er ihnen insbesondere den häufigen Empfang der Sakramente, das Hören der Predigt und das Lesen der Lebensbeschreibungen von Heiligen ans Herz legte. Nachdem die Beichten vorüber waren, betete er die Tagzeiten aus dem Brevier mit außer-ordentlicher Andacht und feierte dann die Hl. Messe in seiner kleinen Kapelle – zwei Stunden früher als gewöhnlich. Zu Beginn seiner Messe blickte er eine Zeitlang auf den Hügel von St. Onofrio, der von der Kapelle aus sichtbar war, gerade wie wenn er eine Vision vor sich schaute. Als er zum Gloria kam, fing er zu singen an, was bei ihm ganz ungewöhnlich war, und er sang das ganze Gloria mit der größten Herzensfreude und Andacht. Nachdem er seine Messe vollendet hatte, reichte er mehreren die Hl. Kommunion, und als er seine Danksagung verrichtet hatte, brachte man ihm ein wenig Fleischbrühe, worüber der Heilige sagte: „Sie meinen, ich sei wieder ganz hergestellt, aber es ist nicht so.“ Dann ging er zum Beichtstuhl und empfing alle, die kamen, mit der größten Freundlichkeit.

Die Kardinäle Augustin Cusano und Friedrich Borromäo besuchten ihn nun auf ihrem Heimwege von der Prozession und blieben bei ihm bis zur Essenszeit, indem sie sich über göttliche Dinge unterhielten. Sobald die Kardinäle ihn verlassen hatten, nahm er seine gewöhnliche Mahlzeit zu sich, und nachdem er kurze Zeit geruht hatte, betete er die Vesper und Komplet mit mehr als gewöhnlicher Andacht. Den übrigen Tag brachte er teils damit zu, diejenigen zu empfangen, die zu ihm kamen und von denen er sich auf eine ganz auffallende Weise verabschiedete. Teilweise hörte er auf das Leben der Heiligen, namentlich des hl. Bernhardin von Siena, das er sich zweimal vorlesen ließ. (…) Als der Arzt kam, sagte dieser: „ Ei, Pater, ihr seid jetzt besser dran als vorher, denn in den letzten 10 Jahren habe ich euch nicht in so vortrefflicher Gesundheit gesehen.“ Der Heilige hörte nachher die Beichte des Kardinals und als er von ihm Abschied nahm, begleitete er ihn gegen seine Gewohnheit bis zur Treppe, indem er ihm stark die Hand drückte und ihm fest ins Gesicht sah, wie wenn er sagen wollte: „Wir werden uns hier auf der Erde nicht mehr begegnen.“ Den Tag über bis zum Abendessen hörte er wiederum Beichten. Sodann nahm er allein, wie es seine Gewohnheit war, sein Abendessen zu sich. Nach dem Essen hörte er die Beichte jener Väter, die am folgenden Morgen die ersten Messen feiern sollten. Hierauf kamen viele Bewohner des Hauses, wie gewohnt, um seinen Segen zu erbitten, den er ihnen gerne gab, indem er sich zugleich mit ihnen sehr vertraulich unterhielt.

In der dritten Stunde der Nacht verrichtete er seine gewöhnlichen geistlichen Übungen und ging vollkommen gesund ins Bett, ohne das geringste Anzeichen von Krankheit oder Schwäche. Aber er wusste wohl, dass jetzt die Stunde seines Todes nahe war. Deshalb wiederholte er, sobald er im Bett war, mit großem Ernst jene Worte, die er so oft gesprochen hatte: „Endlich muss man sterben!“ Bald darauf fragte er, wie viel Uhr es sei. Man sagte ihm, es sei die dritte Stunde der Nacht. Hierauf sagte er, wie wenn er mit sich selbst spräche: „Drei und zwei sind fünf, drei und drei sind sechs – dann werde ich von hier scheiden.“ Er legte sich nun ins Bett und entließ alle, die bei ihm waren, denn er wollte die kurze Zeit, die ihm noch übrig war, in der Unterhaltung mit seinem Herrn zubringen, mit dem er sich so sehnlich zu vereinigen wünschte. Als es 5 Uhr schlug, stand er auf und fing an, im Zimmer auf und abzugehen. Daraufhin eilte der P. Antonio, der im Zimmer unter ihm schlief, herauf und fand ihn wieder auf seinem Bett liegend, mit einem so heftigen Husten und Blutsturz, dass er fürchten musste, er werde ersticken. P. Antonio fragte ihn, wie es ihm gehe, und er erwiderte: „Antonio, ich gehe nun fort.“ P. Antonio lief nun, um Beistand zu holen, und schickte nach den Ärzten. Als er sodann mit mehreren anderen zu dem Zimmer des Heiligen zurückkehrte, fand er ihn auf seinem Bette sitzen, in welcher Lage er bis zu seinem Tod blieb. In der Meinung, dass dieser Anfall von derselben Art wie die früheren wäre, wandten sie dieselben Mittel an und es gelang ihnen, den Husten zu stillen. Nach ungefähr einer viertel Stunde schien sich der Heilige wieder vollständig erholt zu haben, so dass er deutlich sprechen konnte. Er wusste aber wohl, dass der Augenblick seines Todes jetzt herangekommen war und sagte deshalb zu ihnen: „Gebt euch keine Mühe mehr mit Heilmitteln, denn ich bin am Sterben.“ Unterdessen wurden alle Patres in sein Zimmer gerufen, und es schien, wie wenn er nur auf ihre Ankunft gewartet hätte, bevor er starb. Da knieten alle vor seinem Bett nieder und weinten, während Cäsar Baronius, der damalige Präpositus, seine Seele segnete. Und da ihm die umstehenden Ärzte sagten, dass ihr Vater nun im Sterben liege, sage Baronius zu ihm: „Vater, willst du uns verlassen, ohne uns ein Wort zu sagen?“ Bei diesen Worten erhob Philipp schwach seine Hand, schlug seine Augen auf, die bisher geschlossen waren, richtete sie zum Himmel und verweilte so eine Zeit lang. Dann blickte er seine Mitbrüder an, die um ihn herum knieten, machte eine kleine Verneigung, wie wenn er den Segen Gottes für sie erlangt hätte. So gab er ohne jede weitere Bewegung, als ob er in einen sanften Schlaf fallen würde, seinen Geist auf.

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LEBENSDATEN DES HL. PHILIPP NERI

1531/1532 – Philipp verlässt seine Heimatstadt, wo er bei den Dominikanern von San Marco zur Schule ging, um eine Kaufmannsausbildung bei seinem Patenonkel Romolo in San Germano, am Fuße des Monte Cassino, zu beginnen.

1533/1534 – Philipp zieht es nach Rom, wo er sich als Hauslehrer verdingt und nach seiner Berufung sucht.

1535-1537 – Studium der Philosophie und Theologie an der Sapienza und an S. Agostino.

Ab 1537 – Philipp nimmt als Laie ein eremitisches Leben auf, besucht die Kranken in den Spitälern und wird Mitglied der Compagni deI Divino Amore. Sein apostolisches Wirken beginnt.

1544 – Philipp empfängt beim Gebet in den Katakomben von San Sebastiano sein persönliches Pfingsterlebnis, als Flamme des HI. Geistes, die fortan in ihm brennt.

1548 – Philipp gründet zusammen mit seinem Beichtvater Persiano Rosa die Compagnia della SS. Trinita, die sich der Verehrung der Eucharistie und dem 40-std. Gebet widmete.

23. Mai 1551 – Auf Anraten seines Beichtvaters empfängt Philipp die Priesterweihe und wird in der Folgezeit Mitglied der Arciconfraternita della Carita an San Girolamo della Carita, wo er fortan wohnt und bald die Besuche seiner Beichtkinder auf seinem Zimmer beginnen, aus denen das Oratorium entsteht.

1558 – Das "Oratorium" als Gespräch über das Wort Gottes und die Weisungen zum geistlichen Leben wird auf den Speicher der Kirche von San Girolamo verlegt, der Zulauf wächst, Vorträge und gute Musik machen das Oratorium bekannt. Der Gebetsraum heißt "Oratorium". Die Wallfahrt zu den 7 Basiliken Roms beginnt. Die Laienpredigt und der Wallfahrtszustrom sind Anlass für Verdächtigungen, die sich aber auflösen.

1564 – Die Bitte der Florentiner, ihre Nationalkirche San Giovanni dei Fiorentini zu übernehmen, veranlasst Philipp, seine getreuesten Schüler für diesen Dienst zum Priester weihen zu lassen. Das Gemeinschaftsleben beginnt.

15. Juli 1575 – Papst Gregor XIII. errichtet die Kongregation des Oratoriums (mit der Bulle: Copiosus in misericordia Dominus) an der Kirche Santa Maria in Vallicella. Das Oratorium gewinnt zunehmend Unterstützung und Anerkennung in allen Kreisen des gesellschaftlichen und politischen Lebens.

22. Nov. 1583 – Philipp zieht auf päpstliche Bitten zu seiner Kongregation nach Santa Maria in Vallicella, an die Chiesa Nuova.

1586 – Gründung der Kongregation des Oratoriums von Neapel. In der Folgezeit weitere Gründungen.

26. Mai 1595 – Philipp stirbt am frühen Morgen, am Tag nach demFronleichnamsfest, in Anwesenheit seiner Kongregation, die er vorher noch segnet.

12. März 1622 – Heiligsprechung Philipp Neris durch Papst Gregor XV.